
| IP66: | Mir scheint, daß der Typus DDR-Tierpark tatsächlich ursächlich mit diesen Diensten verknüpft ist, auch wenn es im Westen wie schon im 19. Jahrhundert mancher Vogelzuchtverein schaffte, einen kleinen Tierpark aufzubauen.Ich denke da weniger an größere Anlagen wie Schwerin oder Magdeburg, sondern vielmehr an die kleineren, von denen ich zu DDR-Zeiten aber nur den bei der Klosterruine in Dargun kennengelernt habe. Heute halte ich diese Kleineren Parks für eine großartige Chance - und zwar im Osten wie im Westen - da hier die Möglichkeit besteht, einfache, aus unseren Zoos verschwundene Arten zu halten und das Interesse an Zoobesuchen auch dort zu wecken, wo keiner der Großzoos in unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Ich fände es auch schön, wenn in den einzelnen Anlagen ein wenig greifbare Geschichte erhalten bliebe - es muß ja nicht der schweriner Wisentzaun gewesen sein, hinter dem ich schon eine außer Dienst gestellte Panzersperre vermutet habe. (31.08.2007, 14:59) | ||
| Karsten Vick: | Jugendclubs gabs natürlich auch in Zoos der DDR, Fördervereine mit dem Hauptziel des Fund-Raising logischerweise nicht. Besonders auffällige Denkmäler für solche Patenbrigaden-Aktionen in Ostzoos sind geschweißte Zäune. So was wie LEGI-Zaun und wie sie alle heißen gab es damals natürlich nicht, daher gab es scheinbar einen großen Bedarf an solcher Art Hilfe. Und da wurde an Material genommen, was es gerade gab. Mein Lieblingsbeispiel dafür existiert leider nicht mehr: der Wisentzaun in Schwerin. Wer den noch kennt weiß was ich meine; mit DEM Zaun hätten sie auch die nebeneinander liegenden Ausläufe zweier Afrikanischer Elefantenbullen voneinander abgrenzen können! In einem Heft "Der Tierfreund" von 1959 (meine neueste Flohmarkt-Errungenschaft) wird das NAW direkt als "Mutter" des Berliner Tierparks bezeichnet. (15.08.2007, 22:25) | ||
| Michael Mettler: | @Ralf Seidel: Mit den Fördervereinen meinte ich auch mehr die damalige BRD. "Arbeitsleistung" für den Zoo gab es in Hannover natürlich in anderer Form; zwar betätigte man sich nicht unbedingt handwerklich, aber Zoofreunde-Mitglieder machten Führungen, unterhielten einen eigenen Shop oder führten im Eingangsbereich Flohmärkte zu Gunsten des Zoos aus. Letzteres war damals hauptsächlich Sache des Jugendclubs, was den Vorteil hatte, dass man an der Quelle saß, wenn der Zoo selbst etwas zum Verkaufen stiftete (z.B. die ganzen alten Gehegeschilder, für die jede Menge meines Taschengeldes bzw. Azubi-Gehaltes draufging...). Hie und da gab es auch mal körperliche Schwerarbeit zu verrichten, darüber haben wir uns ja letzten Samstag mit Christian Wagner unterhalten: Wenn der Schaukasten des Jugendclubs im Elefantenhaus neu dekoriert werden sollte, musste die fast zwei Quadratmeter große, nicht eingefasste und geschliffene Glasscheibe heraus und später wieder hineingehoben werden - was haben wir da jedes Mal Ängste ausgestanden, dass uns dieses Teil zu Bruch geht.... Ansonsten beschränkten sich "Arbeitseinsätze" des Clubs auf das gelegentliche Festhalten von Zwergziegen zum Klauenschneiden. Aber danach ging ich nicht unbedingt mit meinen Eltern in den Zoo und habe ihnen stolz gezeigt "Guckt mal, DIE Ziege habe ICH festgehalten" :-) (15.08.2007, 16:05) | ||
| Ralf Seidel: | @Michael Mettler, Ironie muss ja nicht bösartig sein, ich muß immer wieder über viele Dinge aus der alten DDR schmunzeln. Ich kann mir gut vorstellen, daß einige der "Aufbauhelfer" abkommandiert wurden aus ihren Betrieben, vor Ort aber dann die Spaten nicht reichten... Aber dann waren da eben auch die "Freiräume", die sich jeder suchen konnte. Sicherlich war nicht immer alles lustig - aber das ist es ja in der heutigen Zeit auch nicht. Übrigens waren Zoo-Fördervereine im heutigen Sinne meines Wissens nach so gut wie nicht vorhanden. Ich weiß, daß beispielsweise in Friedrichsfelde der Verein bestand, inklusive Jugendclub. Von den anderen Parks ist mir da eigentlich nichts geläufig. (15.08.2007, 15:40) | ||
| Michael Mettler: | @Ralf Seidel: Ironie steckte bei meiner Frage wirklich nicht dahinter, das war echtes Interesse. Es gibt und gab ja m.W. auch "im Westen" Projekte in vor allem kleinen Tiergärten, die durch gemeinsames Anpacken umgesetzt wurden - nur eben auf Vereinsbasis, nicht so sehr auf breiter Front aus der Bevölkerung (lasse mich da gern eines Besseren belehren!). Ich kann mir gut vorstellen, dass die im wahrsten Sinne des Wortes tatkräftige Unterstützung viel zur persönlichen Identifikation mit dem jeweiligen Tierpark beigetragen und natürlich dadurch auch das Interesse an ihm wach gehalten hat. Nur konnte ich mir eben nicht richtig vorstellen, wie diese Aufbau- und Unterstützungsarbeit organisatorisch gehandhabt wurde. Zu meinen Zeiten im hannoverschen Zoofreunde-Jugendclub hatten wir mal die Idee, für den Zoo in Eigenarbeit eine Erdmännchen-Anlage zu erstellen - das war Anfang der 80er, da waren diese Tiere noch eine Rarität.... Es gab da eine Ecke am Raubtierhaus, die förmlich danach schrie. Nur war der Zoo nun mal städtisch, und wie wir erfahren mussten, konnte man dort nicht mal eben einen Zaun ziehen und ein paar Steinblöcke hin dekorieren, weil alle möglichen Ämter Genehmigungen abgeben und Ausschreibungen getätigt werden mussten (so habe ich die Begründung jedenfalls in Erinnerung - mit ähnlichen Problemen im Großen hatte ja der Zoo bis zur Umwandlung in eine GmbH auch zu kämpfen). Damit war dann der gut gemeinte Ansatz schon im Keim erstickt. Ich könnte mir vorstellen, dass es solche Erlebnisse auch andernorts gab. Aus diesem Grund fasziniert mich eben der Gedanke, dass es offensichtlich im "anderen Deutschland" ganz andere Möglichkeiten in dieser Richtung gab und damit Begeisterung entfacht statt abgewürgt wurde. Natürlich ermöglichten damals wie heute Fördervereine einige Maßnahmen, aber wohl die wenigsten Zooförderer haben zu diesem Zweck mal in ihrer Freizeit Pinsel, Hammer oder Schubkarre in die Hand genommen... (15.08.2007, 14:42) | ||
| Ralf Seidel: | @Michael Mettler, während ihr im Westen im Rahmen der Massensportbewegung "MACH MIT!" sinnlos in Heerscharen durch Wälder gehetzt seit und dabei völlig unnütz noch der Bodenverdichtung Vorschub geleistet habt, wurden im Osten tatsächlich kollektive Werte geschaffen, da haben auch die insbesondere wohl kleineren Tiergärten enorm profitiert. Es gab ne Menge Möglichkeiten, wie Feierabendbrigaden oder auch organisierte Einsätze. Aktionen wie "Schöner unsere Städte und Gemeinden - MACH MIT" waren dabei gar nicht so unpopulär. Wenn auch von oben gelenkt, beteiligten sich hier viele Menschen auch gern an solchen Einsätzen, um vermüllte Ecken zu beseitigen, neue Parkanlagen anzulegen oder eben auch ein hübsches Tiergehege zu schaffen. Die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Betrieben war an der Tagesordnung. Da wurde der Direktor oder Kombinatsleiter, der ja auf Grund seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen auch im Gemeinde- oder Stadtrat saß, schon eben mal verdonnert, ein paar Werktätige (so hieß das bei uns und nicht "Arbeitnehmer")für ein paar Tage zum Einsatz zu delegieren. Aber auch bei den wirklich freiwilligen Einsätzen nach Feierabend gab es viele Enthusiasten. Schließlich schufen sie ja Naherholungsmöglichkeiten für ihre Familien und konnten später voller Stolz darauf auch verweisen. Ohne dieses, meist unentgeldliche, Engagement wären viele kleine Tiergärten nicht entstanden oder hätten sich weiter entwickeln können. Und da die Ostler ja auch ein geselliges Völkchen waren, wurde am Abend noch gemeinsam ein Bier getrunken. Diese Aktionen gab es reichlich in den unterschiedlichsten Formen, wirklicher Zwang für den Einzelnen steckte da aber wohl nicht dahinter. Schließlich waren die geschaffenen Werte ja alles "Volkseigentum", zumindest nach offizieller Version. Also Michael, auch wenn ich mal wieder den Eindruck habe, deine Fragestellung steckt voller Ironie, so und ähnlich wie du das hinterfragst war es mitunter tatsächlich. Und es entbehrt aus heutiger Sicht ja auch nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Übrigens auch größere Tiergärten haben von gesellschaftlichen Arbeiteinsätzen prifitiert. Gerade in den 50ern spielte z.B. das Nationale Aufbauwerk (NAW) in Tierpark Berlin-Friedrichsfelde eine nicht unwichtige Rolle, 1973 während der damaligen 10. Weltfestspiele der Jugend in Berlin halfen Teilnehmer dieses Treffens beispielsweise beim Bau der ehemaligen Afrikasteppe im Zoo Halle. Ich bin mir ziemlich sicher, auch wenn oft von oben organisiert, den Meisten hat die Mitwirkung an solchen Projekten richtig Spaß gemacht. (15.08.2007, 14:00) | ||
| Michael Mettler: | Da das Thema hier schon mal angeschnitten wurde, greife ich es in diesem Thread auf, obwohl es auch die größeren Zoos der DDR betraf: Wie muss ich mir die in vielen Zooführern und Chroniken erwähnte große Unterstützung beim Aufbau der Tiergärten vorstellen, die von der Bevölkerung durch Arbeitseinsatz geleistet wurde? Begriffe wie "Feierabendbrigade" sind ja für mich als Wessi Fremdwörter. Da werden sich doch wohl nicht sieben Handwerker beim Zoo gemeldet haben "Tach, wir haben heute Abend noch nichts vor und würden hier gern 'ne Voliere bauen"... Wie wurde sowas organisiert? Traten die Tiergärten mit Wünschen an die Betriebe heran, oder lief es umgekehrt? Wurden engagierte Einzelpersonen bzw. Zoofreunde in diese Vorgänge eingebunden und hoben in ihrer Freizeit zusammen mit den "Profis" Gräben aus usw.? Wurden die Brigaden vom Arbeitgeber zu den Feierabendschichten abkommandiert (was dann ja eine Art "freiwilliger Zwang" gewesen wäre), oder gingen die zum Zoo-Bauen wie Andere zum Kegeln? War es eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, bei solchen Projekten mit anzupacken? (14.08.2007, 16:33) | ||
| Karsten Vick: | Na ja, der schon, aber wir reden ja hier von den kleinen Heimattiergärten. (14.02.2007, 19:30) | ||
| Ronald Masell: | @Karsten Vick Auch nicht der Tierpark Friedrichsfelde? *fg* (14.02.2007, 18:32) | ||
| Karsten Vick: | Tscha Ollo, wenn ich sie denn man hätte die Infos. Ich hatte nämlich an Lemkes Touristführer Tiergärten gedacht, aber da sind zwar fast alle Gründungsjahre drin, aber kaum Entstehungsgeschichten. Die beste steht noch zum Heimattierpark Kunsterspring in Neuruppin: "Der Tierpark entstand in seinen Anfängen 1968 auf Initiative von Mitarbeitern und Schülern der BBS Kunsterspring des StFB Neuruppin." BBS= Betriebsberufsschule, StFB = Staatlicher Forstwirtschaftsbetrieb, Kunster ist ein Flüsschen was da fließt. Ich denke das kann schon so beispielhaft für viele Tiergärten stehen; Ralf und Oliver haben ja schon was über die freiwilligen Arbeitseinsätze gesagt. Sicher erhielten die Initiatoren auch Unterstützung von staatlichen Institutionen, aber ich glaube nicht, dass irgendein Tierpark in der DDR auf Anweisung der Partei- und Staatsführung gegründet wurde. (14.02.2007, 16:35) | ||
| Ollo: | Hatte Karsten Vick nicht noch einige Infos in der Hinterhand? Wäre begrüßenswert. (14.02.2007, 13:02) | ||
| Oliver Jahn: | Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Was allerdings gern staatlicherseits in Zoos und Heimattiergärten gesehen wurde, wenn Betriebe und Institutionen, bis hin zu Organisationen wie der FDJ, freiwillig Aufbaustunden für diese Einrichtungen brachten.Da stellten Betriebe ganze Brigaden ab, die in Feierabendarbeit die tollsten Gehege erstellten. Gerade in den Heimattiergärten war somit auch sehr viel davon abhängig, welche Großbetriebe (Kombinate) dort ansässig waren, oder welche LPG dort ihren Sitz hatte, und wie der jeweilige Kombinatsleiter, und natürlich auch der Parteisekretär diesem Vorhaben gegenüber gesonnen war. Ich selber kenne noch viele Leute, die über Jahre hinweg vom Betrieb mit Material ausgestattet, jeden Abend nach Arbeitsschluss und auch an den Wochenenden den Heimattierpark in Thale auf dem Hexentanz errichteten. Und auch die neuen großen Zoos haben vielfach (so wie Magdeburg) als Heimattiergärten begonnen, gebaut und errichtet fast ausschließlich aus der Bevölkerung. Dass allertdings diese Einrichtungen stattlich gesteuert errichtet wurden, um die Leute vom Reisen anzubringen, das ist mir nicht bekannt. Im Gegenteil, gerade durch Einrichtungen wie den FDGB waren die DDR-Bürger in den ihnen gesetzten Grenzen ein sehr reiselustiges Völkchen. (23.01.2007, 19:51) | ||
| Ralf Seidel: | In der damaligen DDR waren die tiergärtnerischen Einrichtungen in Trägerschaft des Staates. Neben den historisch erhaltenen großen Zoos (Dresden, Leipzig und Halle) entstanden insbesondere in den 50ern noch neue Gärten in Berlin, Erfurt, Rostock Magdeburg und Cottbus. Sie wurden neu gegründet oder wie am Beispiel Rostock weiter entwickelt und zum "wissenschaftlich geleiteten Zoo erhoben". In den Siebzigern wurde noch Schwerin in diese Riege aufgenommen. Diese Gärten durften sich offiziell Zoologischer Garten oder Tierpark nennen. Tatsächlich lagen alle diese Zoos in Bezirkshauptstädten bzw. der "Hauptstadt der DDR". Aber eben nicht alle 14 DDR-Bezirke hatten ihren eigenen Zoo. Rostock und Schwerin deckten den Norden ab, Erfurt mußte für die 3 Thüringer Bezirke ausreichen (Erfurt, Gera und Suhl). Diese "großen" Zoos waren sogenannte Leit- oder Konsultationszoos für die unzähligen kleineren Tiergärten. Deren Leiter waren zur damaligen Zeit tatsächlich meist engangierte Bürger, die mit viel Fleiß und Willenkraft ihren "Heimattiergarten" im Rahmen der knappen Möglichkeiten ausbauten. Sie beherbergten vornehmlich heimische Tiere, aber auch einige Exoten(leicht zu haltende Primaten, Papageien usw.)Einige dieser Gärten konnten mit kleineren Vivarien aufwarten, z.B. Aschersleben. Der Tiergarten Hoyerswerda hatte sogar ein kleines Tropenhaus, gefördert durch den damaligen Dresdener Direktor Prof. Ulrich. In Bernburg gab es u.a. Chile-Flamingos, Goldschakale,Dingos, Kodiakbären und Przewalskipferde zu sehen. Die gaaanz großen Raritäten waren aber in der Regel den "Acht Großen" vorbehalten. Die Tierpflegerprüfungen und Weiterbildungen fanden in den Bezirkszoos statt. Übrigens hatte der damalige Chemiebezirk Halle mit über 40 Heimattiergärten den mit Abstand dichtesten Bestand. Das hängt mit der Bevölkerungsdichte im Ballungsraum Halle-Leipzig zusammen -aber eben auch mit dem Engagement vieler fleißiger Menschen. (23.01.2007, 13:34) | ||
| Marco: | Soweit ich weiß, haben Politik und Partei doch einigen Einfluss gehabt. Da die Menschen nicht reisen sollten, sollten sie stattdessen ein Stück Erholung nach Hause bekommen. (23.01.2007, 00:03) | ||
| Karsten Vick: | Genau wie bei den großen Zoos spielt das Engagement vor Ort eine große Rolle. Da reichte schon ein Lehrer oder Förster mit späterer Unterstützung der Kommunalpolitik, um die richtigen Anfänge zu machen. Und wenn so ein Anstoß fehlte, gab es eben keinen Tierpark. Genau wie Kassel & Co. eben keinen großen Zoo haben (das Thema hatten wir schon mal). Die Partei- und Staatsführung hat sich mit sowas wohl eher weniger befasst. Ich will mal versuchen ein paar Entstehungsgeschichten rauszusuchen, aber heut nicht mehr... (22.01.2007, 23:50) | ||
| Ollo: | Wenn man sich die Zooliste der Zoo-Ag so ansieht, dann fällt ja auf, daß es im Osten unglaublich viele kleine Tiergärten gibt. Waren diese Einrichtungen "von oben" aus geplant worden, oder entstanden sie eher durch Bürgerengagement? Warum gibt es Heimattiergärten in diversen Orten mit nicht mal 5.000 Einwohnern, aber z.B. nicht in Brandenburg (Stadt), Potsdam, Jena, Plauen, Zwickau? (22.01.2007, 23:41) |
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