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Vom Wildtier zum Haustier



Ingo Rossi:   Nicht ganz uninteressant zu diesem Thema das Buch:
"Tiere in der Stadt: Eine Naturgeschichte von Bernhard Kegel" (Dumont Verlag)

Der Titel ist etwas irre führend, Thema ist die Anpassung und deren Ursache, immerwährend oder nur vorübergehend, der Tiere an die Lebenswelten der Menschen.
Das Thema hatten wir weiter unten, dass sich Wildtiere durch die freiwillige Nähe zum Menschen fast als zukünftige Haustiere anboten.
(01.07.2013, 11:20)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Das einzige Freilandfoto ursprünglicher, also nicht auf Wiederansiedlungen zurückgehender Przewalskipferde, das ich kenne, zeigt eine Dreiergruppe aus zwei dunklen Pferden und einem hellen (abgedruckt in der Urwildpferd-Monografie von Erna Mohr und Jiri Volf). In diesem Buch ist von der natürlichen Färbungsvielfalt der Art mehrfach die Rede, und ebenso wird auch mehrfach darauf hingewiesen, dass das heute relativ einheitliche Erscheinungsbild der Zoopopulation auf eine Auslese nach züchterischem Geschmack zurückzuführen ist und nicht den früheren natürlichen Verhältnissen entspricht.

Nicht nur Farbvariationen haben durch Flaschenhalseffekte und Isolation eine größere Chance, sich zu etablieren. So gut wie jedes Art- oder Unterartmerkmal dürfte einst als Abweichung von der Norm angefangen haben, anders ist Evolution für mich gar nicht vorstellbar. Jonathan Kingdon z.B. nimmt an, dass der Buntbock nichts weiter als ein etablierter und durch Isolation eigenständig weiterentwickelter Farbschlag (mehr Weißanteil, sattere Grundfärbung) des Blässbocks ist. Folglich hätte es irgendwann mal beide Varianten beim Blässbock nebeneinander gegeben. Noch heute gibt es gelegentlich Blässböcke, deren Weißausdehnung buntbockartig ist.

Isolation muss dabei noch nicht mal aus geografischer Trennung (bzw. räumlich unmöglicher Vermischung) resultieren, da reicht schon unterschiedliche Lebensweise. Ich denke da gerade an die verschiedenen Ökotypen von Schwertwalen, die sich laut genetischen Studien schon seit ewigen Zeiten nicht vermischen, obwohl es für sie kein topografisches Hindernis gäbe. Um auf die Haustierwerdung zurückzukommen, könnte man sich das z.B. so vorstellen, dass scheuere Individuen einer Tierart den Menschen weiträumig gemieden, "vertrauensseligere" dagegen seine Nähe aus bestimmten Gründen geschätzt haben könnten. Allein schon das unterschiedliche Verhalten könnte in einem solchen Fall dazu führen, dass es kaum noch zu Verpaarungen beider gekommen sein könnte, solange Menschen in der Nähe waren - ganz ohne Einfangen, Zaun und Fessel. Um es anders zu sagen: Innerhalb der selben Tierart könnte es Kulturfolger und Kulturflüchter gegeben haben, und es liegt auf der Hand, dass Erstere eine bessere Basis für die Haustierwerdung bildeten. Das ergäbe dann schon ein etwas anderes Ausgangsbild für die Domestikation als die oft gemutmaßten, von Jagdausflügen absichtlich oder als Zufallsbeute mitgebrachten Wolfswelpen, Wildschaflämmer usw.
(09.12.2012, 15:33)
Ingo Rossi:   Leider fehlt mir gerade die Zeit für lange Beiträge. Aber der Wikipedia -Eintrag der Dingo-Geschichte zeigt wirklich die ganze Problematik der Haustierwerdung bzw. der Entwicklung von Tieren zu was auch immer, die dann nicht mehr in ein Raster passen. Alleine der unterschiedliche Schutzstatus und die jeweiligen Begründungen aus verschiedenen Blickwinkeln sind ja schon sehr interessant.

Färbungen scheinen ja sehr variabel zu sein. So schreibt Sando Bökönyi in seinem Buch „Das Przewalski-Pferd“ von zwei Farbextremen: „die eine Farbe kann man als dunkelbraun bezeichnen, die andere dagegen ist viel heller, fast ein weißes Grau.“ Beide extreme sollen, wie bei den Yaks auch in den gleichen Herden vorgekommen sein.

Die Frage wäre natürlich auch, ob irgendwelche „Flaschenhalssituationen“ mit dadurch bedingter verstärkter Inzucht, Farbvariationen und Scheckungen grundsätzlich hervorgebracht und beschleunigt haben. Gerade auch bei relativ isoliert vorgekommenen Populationen.

(09.12.2012, 11:21)
Michael Mettler:   Schon lustig: Erst hatte ich beim Anblick des Yak-Fotos einen Wow-Effekt wegen der abweichenden Färbung. Dann ging mir auf, dass ein Foto von einem Zimtbären zwischen zwei schwarzen Baribals einen solchen nicht hervorrufen würde, obwohl es im Grunde das selbe Phänomen zeigen würde. Und auch andere Tierarten sind ja irgendwann in ihrer Stammesgeschichte aus dunkleren Vorfahren quasi "erblondet", so auch das Przewalskipferd, dessen Falbfärbung eine Verdünnung ehemals dunkleren Brauns (etwa wie beim Exmoorpony zu sehen) darstellt.

Vielleicht war es ja sogar die Auswahlmöglichkeit innerhalb "vielfarbiger" Populationen, die manche Tierart reizvoller für menschliche Zähmungsversuche erscheinen ließ als andere...
(06.12.2012, 19:26)
WolfDrei:   Hab es gefunden: National Geographic August 1993 (Vol. 184, Nr. 2, Seiten 62-87), auch mit vielen Tschiru-Aufnahmen
(06.12.2012, 10:09)
WolfDrei:   @MM: ist schon eine Weile her - wohl mit Bild von Georg Schaller in der "National Geographic" zur Situation im Changtang-Schutzgebiet in Tibet.
(06.12.2012, 09:58)
Michael Mettler:   @WolfDrei: Interessant, wusste ich noch nicht. Darf ich raten, dass deshalb schon über Hausyakeinkreuzung spekuliert wurde...?
(05.12.2012, 19:59)
WolfDrei:   @MM: gegenwärtig sollen ja auch etwa 10% der Wildyaks "blond" sein.
(05.12.2012, 19:36)
Michael Mettler:   Mag ja sein, dass das nur eine zufällige Ähnlichkeit ist, aber der genetische Nachweis eines Gens, dass vielfältige Scheckungsvarianten hervorruft, wurde nun mal erbracht...

Übrigens wurden unterschiedliche Farbvarianten sogar bei Wollmammuts nachgewiesen:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/helles-fell-mutation-machte-mammuts-blond-a-425402.html

Insgesamt ist Färbungsvariabilität doch ein evolutionäres Erfolgsrezept, deshalb würde mich wundern, wenn es sie nicht auch bei eiszeitlichen Pferden (und nicht nur bei diesen, auch die Auerochsen sind ja in der Höhlenkunst keineswegs einheitlich wiedergegeben) gegeben haben soll. Wenn die Natur nicht ständig mit Färbungen experimentieren würde, wäre doch die Färbungsvielfalt bei Tieren gar nicht zu erklären. Man kann nun mal schlecht behaupten, dass diese und jene Färbung eine Anpassung an den Lebensraum sei, aber den dazu führenden evolutionären Anpassungsprozess (sprich das "Ausprobieren" von Färbungen zum Herausfinden der optimalen) gleichzeitig abwerten. Selbst wenn ein Tier genau gewusst hätte, welche Färbung ihm zukünftig Vorteile bringen würde, hätte es die Entwicklung wohl kaum durch Gedankenkraft zustandegebracht ;-)

Unsere Vorstellung davon, wie der Europäische Ur ausgesehen hat, wurde ja maßgeblich durch das "Augsburger Bild" eines unbekannten Künstlers beeinflusst. Ob dem auch schon mal unterstellt wurde, er habe die Färbung seines Stieres nur "just for fun" oder aus spirituellen Gründen gewählt, statt es naturgetreu darzustellen...?
(05.12.2012, 19:06)
WolfDrei:   U.a. zur Scheckigkeit paläolithischer Wildpferde: Braun, Zessin in URSUS 1/2011, Seiten 4-26 (Zeitschrift des Zoovereins Schwerin): Pferdedarstellungen in der paläolitihischen Wandkunst und der Versuch ihrer zoologisch-ethologischen Interpretation. Besprochen werden 21 Fundstellen. Insgesamt nehmen Pferdedarstellungen den 1. Platz ein mit 27 % Häufigkeit. Die Autoren glauben aber, daß die "Punktierung" der Pferdekörper nur Freude an einer "Dekoration" sei.
(05.12.2012, 18:12)
Michael Mettler:   Ich bin beim Stöbern auf die deutsche Wikipedia-Seite über den Dingo gestoßen, die äußerst ergiebig ist (sie nimmt z.B. auf fast 170 aufgelistete Quellen Bezug!) und die unterschiedlichen Ansichten über diese Tierform, ihren systematischen Status, ihre Biologie usw. nebeneinander stellt. Es ist erstaunlich, in wie viele verschiedene bis widersprüchliche Schubladen man den Dingo zu stecken versucht in dem Bestreben, ihm einen Platz in der Ordnung der Dinge zuzuweisen, die dem Menschen so wichtig ist (dem Dingo und seinem Lebensumfeld wohl weniger). Eine nachdenklich stimmende Darlegung der Schwierigkeiten der Wildtier-Haustier-Abgrenzung (inklusive des ökologischen Wertes oder Nicht-Wertes eingeschleppter Arten).
(01.12.2012, 16:00)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Ja, habe ich gelesen. Mich überzeugt das mit der Regenableitung nicht so recht. Was soll sich bei einem stehmähnigen Tier eher mit Nässe vollsaugen als bei einem hängemähnigen? Und warum hat dann das Steppenzebra, in dessen Verbreitungsgebiet Regenzeiten mit teilweise heftigen Niederschlägen herrschen, eine Stehmähne? OK, man kann natürlich sagen: Weil es die dazugehörige Mutation zufällig noch nicht gab.

Ich denke bei der Hängemähne und bei dem dann auch ausgeprägteren Schweif an einen anderen Selektionsvorteil: Bessere Abwehr von Stechinsekten. Und zwar speziell von solchen wie Mücken, die in feuchten Landschaften saisonal in Massen auftreten (und damit u.a. unzählige Vogelarten dazu bewegen, zur Aufzucht ihrer Brut nach Norden zu ziehen). Denn vielleicht ist es kein Zufall, dass das Pferd nach Abklingen der Eiszeit zu einem so häufigen europäischen Wildtier wurde: Es könnte schlichtweg besonders gut an feuchte Habitate angepasst gewesen sein. Vor einiger Zeit war in einem Artikel über Przewalskipferde in der Zeitschrift des Kölner Zoos zu lesen, dass sich als deren bevorzugte Nahrungspflanzen Arten herausgestellt hätten, die bevorzugt auf feuchten Böden wachsen (Flussniederungen usw.), und dass der heutige bzw. uns bekannte wüstenartige Lebensraum der Art vielleicht nur eine Notzuflucht darstellt(e), weil sie aus dem eigentlich bevorzugten vertrieben wurde. Außerdem finde ich es verdächtig, dass zumindest in Europa einige als urtümlich geltende, halbwild bis wild lebende Pferderassen sich ausgerechnet in Mooren, Brüchen, Flussniederungen und -deltas sowie auf Inseln seit Menschengedenken behaupten können: diverse britsche Ponys, Sorraias, Camarguepferde, Dülmener...

Einen Nachteil scheint die Hängemähne jedenfalls nicht zu haben. Verwilderte Pferde kommen auf der ganzen Welt in Steppen- und sogar Wüstenhabitaten gut damit zurecht (übrigens auch mit Färbungsvielfalt), obwohl sie wieder einer natürlichen Selektion unterworfen sind.

Nochmal zur eventuell roten Fellfarbe des möglichen Hundevorfahren: Rot ist bei Säugetieren keine eigene Pigmentfarbe, sondern "nur" eine Intensivierung des gelben Pigments mit stufenlos möglichen Übergängen und bei Caniden nicht ungewöhnlich; Rothund und Rotfuchs sind sogar danach benannt, auch der Mähnenwolf ist rot. Alle drei repräsentieren aber recht unterschiedliche Entwicklungslinien der Hundeartigen, woraus man schließen könnte, dass es sich um eine stammesgeschichtlich alte Färbung handelt. Und das würde wiederum bedeuten, dass vielleicht nicht die rote Färbung eines Dingos aus der grauen eines Wolfes herausgezüchtet wurde (um die klassische Domestikationsansicht zu bemühen), sondern dass beider Vorfahre bereits rot gewesen sein kann und der Wolf im Verlauf seiner Stammesgeschichte in vielen Populationen an Farbintensität verloren hat. Das Pigment selbst ist ja noch da, aber bei vielen Wölfen eben in seiner "normalen" gelben Ausprägung oder sogar noch blasser. Es sind ausgerechnet eher die südlichen Wolfsformen/-ökotypen, bei denen der Farbton intensiver ist (fällt mir immer wieder auf, wenn ich Iberische Wölfe sehe) - und damit die, die dem Verbreitungsgebiet von Dingo (als Gruppe gemeint - auch manche südostasiatischen Hunde werden zu den Dingos gezählt) und Äthiopischem Wolf geografisch am nächsten sind.


(30.11.2012, 23:34)
Ingo Rossi:   Wikipedia zum Thema Hängemähne:Eine Hängemähne wird auch dem Tarpan zugeschrieben, welche als Anpassung an das feuchtkalte Klima Europas zu sehen ist. Eine Hängemähne leitet Regenwasser von Kopf und Hals des Pferdes ab, während eine Stehmähne bei Steppenhabitaten von Vorteil ist. Gefrorene Mumien von Wildpferden im Permafrost belegen ebenfalls eine Hängemähne.

Was ja belegen würde, die Bweise für Domestikation, die man (ich auch) so gerne hätten, gibt es gar nicht...
(30.11.2012, 21:03)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Das Problem einer "verschwundenen" Stammform ist allerdings nicht neu, siehe Dromedar. Für den Hund haben manche Kynologen eine Lösung parat: Sie betrachten das, was wir heute Dingo und Pariahund nennen, als Wildhund und Stammvater der Haushunde.

Nun muss ja eine Stammform nicht unbedingt weit verbreitet gewesen sein. Vielleicht waren es gerade die von der Schwesterart abweichenden Merkmale einer nur kleinen Population, die das Tier für die Haustierwerdeung geeignet machten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde nicht selten der wilde Verwandte bekämpft, wenn er mit dem gezähmten konkurrierte; es hat ja seine Gründe, dass der Auerochse (auf drei Kontinenten!) oder das Europäische Wildpferd in ihrer Ursprungsform heute verschwunden sind/sein sollen. Bei einer Ausgangsform mit nur kleinem Verbreitungsgebiet und geringer Population ginge sowas zwangsläufig noch viel schneller.

Beim Dingo/Pariahund gibt es natürlich die beliebten Einwände, dass Färbungsvielfalt, weiße Abzeichen oder Ringelruten typische Domestikationsfolgen wären und es sich deshalb nicht um eine Wildform handeln könne. Ähnliches gilt ja für die Hängemähne bei Pferden. Aber so ganz erschließt sich mir diese Argumentation nicht. Erstens gibt es gar nicht so wenige Wildtiere mit weißen Abzeichen und auch mit Färbungsvielfalt (siehe ausgerechnet der Wolf!). Und was den Schwanz betrifft: Wenn es heißt, alle Wildequiden haben eine Stehmähne, also könne ein Pferd mit Hängemähne kein Wildtier sein, dann könnte man auch darauf hinweisen, dass mit einer Ausnahme alle Wildequiden einen Quastenschwanz haben und folglich das davon abweichende Przewalskipferd ein Haustier sein müsste... Ist eben alles relativ.

Ich hätte kein Problem damit, mir den Wild-Hund als dingoartiges Tier mit rötlicher Fellfarbe und weißen Abzeichen vorzustellen. Schließlich wäre da ein weiteres Tier, das laut genetischen Untersuchungen wie Hund und Kojote einen gemeinsamen Vorfahren mit dem heutigen Wolf teilt: der Äthiopische Wolf. Und wie sieht der aus? Rot mit weißen Abzeichen.
(30.11.2012, 20:24)
Ingo Rossi:   @ Michael Mettler: Anhand des Beispiels Hund überlege ich mal, wie es aussehen könnte, daß vor der eigentlichen „Domestikation“ schon eine uns heute unbekannte (?) neue Art entstanden ist, die dann zum Haustier wurde. Die Frage, die sich mir stellt, wo ist die Art geblieben? Ist sie mit der Haustierwerdung verschwunden oder, z.B. im Falle des Hauskamels, ist das die Art und der Mensch hat sie eigentlich nur gezähmt aber optisch kaum verändert?

In der Haustierwerdung denke ich war es wieder eine Wechselwirkung. Einerseits musste der Mensch seinen beginnenden Nutzpflanzenanbau vor Tieren schützen andererseits hatte er auch gerade bei Getreide genug Abfallprodukte um die Tiere zu füttern.

Ich denke nicht, dass die ersten Züchtungen planvoll waren. Wie weit wusste der damalige Mensch etwas von Vererbung und die Möglichkeiten einer über mehrer Tiergenerationen geplante Zucht? Und wenn ich mir überlege, noch heute rätseln Wissenschaftler über das zustande kommen der einen oder andere Eigenschaften bei Haustieren (z.B. kleineres Gehirnvolumen), wie war das dann vor tausenden von Jahren? Auch denke ich, dass die damaligen Umstände, ob wilde Beutegreifer oder Sturm, Feuer etc. ganze Bestände ausgelöscht oder zumindest wieder ausgewildert haben könnte. Was eine kontinuierliche, bewusste Zucht umso schwieriger macht.

(30.11.2012, 19:01)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Auch in unserer Stammesgeschichte konnten wir uns das Füttern von Haustieren (oder Noch-nicht-ganz-Haustieren) mit Lebensmitteln, die wir selber verwerten konnten, nur in Zeiten des "Wohlstands" leisten (was ja durchaus auch einen jahreszeitlichen Wandel der Situation beinhalten kann). Hund, Schwein, Huhn sind von Natur aus eigentlich Nahrungskonkurrenten des Menschen, und wenn man nicht nur unsere europäische Ernährungsweise von heute als Maßstab nimmt, sondern diejenige von Naturvölkern, dann verlängern noch diverse andere Ressourcen die Liste der Nahrungsüberschneidung mit Nutztieren: Insektenlarven, Knollen, vielleicht sogar verschiedene Rinden. Nicht zu vergessen: Wasser. Und eigentlich sogar Gras, denn Getreide ist ja nichts Anderes als domestiziertes Gras.

Wenn ich meine Burgfrieden-Theorie mal weiterspinne, dann passt sie m.E. sogar damit zusammen, dass der Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen nach landläufiger Meinung der Startpunkt der Domestikation war. Denn mit dem Beginn des Ackerbaues wäre der Mensch dazu gezwungen worden, die Pflanzen fressenden Tiere in unmittelbarer Umgebung seines Lagers plötzlich in Nützlinge und Schädlinge einteilen zu müssen und zu verhindern, dass seine Nützlinge zu Schädlingen werden. Soll heißen: Er musste verhindern, dass frei umherlaufende Tiere, die ihm möglicherweise schon vorher in irgendeiner Form nützlich waren, seine Felder für ihre eigene Ernährung nutzten. Da wurden dann nämlich auch die Grasfresser zu Nahrungskonkurrenten, wenn sie das Getreide abfraßen, bevor es die vom Menschen verwertbaren Samen entwickeln konnte. Und wie behält man wertvolle Tiere um sich herum, ohne dass sie den Ackerbau stören? Indem man sie einsperrt, anbindet, fesselt (Zusammenbinden der Vorderbeine zur Bewegungseinschränkung, wie noch heute bei manchen Tieren üblich). Mit dem Hund musste man das nicht machen, der frisst nicht die Getreidehalme ab (außer hie und da zur Magenreinigung). Und der konnte bei der Abgrenzung zwischen erwünschten und unerwünschten Pflanzenfressern in Lagernähe sehr nützlich sein...

Was sich von den Burgfrieden-Tierarten nicht aus irgendwelchen Gründen in seiner Beweglichkeit einschränken ließ, fiel damit durchs Raster. Was ja auch in der landläufigen Darstellung die Erklärung liefern soll, warum nur manche Arten aus dem Umkreis des Menschen zu Haustieren wurden. Nur stellt sich die Frage, ob der Mensch von Anfang an gezielt eine Selektion nach Verwertungseigenschaften betrieb - anders gesagt, ob er wirklich als Züchter (bewusstes Zusammenführen ausgesuchter Sexualpartner mit einem klaren Ziel vor Augen) arbeitete oder nicht erst mal lange Zeit nur als Vermehrer (egal, wer sich mit wem paarte - Hauptsache, es blieben immer genug Zucht- und Schlacht-/Arbeitstiere übrig).

Selbst wenn man also den Versuch der Isolierung der Nützlinge von den (Feld-)Schädlingen, sprich z.B. das Einsperren von Schafen und das gleichzeitige Fernhalten ihrer wilden Artverwandten mit daraus folgender sexueller Isolation der Haustiere als Startpunkt der Domestikation betrachtet, gäbe es noch immer die Möglichkeit, dass die Veränderungen der Tiere über einen vielleicht sogar langen Zeitraum nicht durch den Menschen planvoll herbeigezüchtet wurden (dieser Eindruck entsteht ja in der landläufigen Darstellung), sondern dass sich die Tiere über lange Zeit selbst an die neuen Verhältnisse anpassten, in denen Selektionsfaktoren wegfallen und neue auftreten konnten. Ganz so, wie sich Wildtiere auch beim Einwandern in einen neuen Lebensraum oder bei Veränderung ihres alten anzupassen versuchen, indem sie die Bandbreite ihrer Variabilität nutzen. Erzwingen konnte der Mensch eh nichts. Selbst wenn er sich noch so fest gewünscht hätte, dass sein Mufflon ständig nachwachsende Wolle entwickelt, um sich daraus Kleidung fertigen zu können, hätte er das nicht selbst herbeiführen können. Erst als das Schaf selbst per Mutation (zur Erweiterung der Variabilität zwecks Anpassungsmöglichkeiten) den Wollwuchs "ausprobierte", konnte er reagieren. Und damit ist ja noch nicht mal gesagt, dass er das sofort tat....
(30.11.2012, 11:12)
Ingo Rossi:   @Michael Mettler: Deine Schilderung der Meisen“domestikation“ ist sehr anschaulich, wenn gleich ich den Futterkonkurrenten in Zeiten des Überflusses nicht mehr so ganz gelten lassen möchte. Bei allen Zweifeln und schon fast Widerlegungen zur Haustierwerdung bleibt natürlich die Frage, wie man sie bezeichnet. Domestikation ist eben so ein Wort, mit dem ich lange Zeit und auch noch heute eine durch den Menschen bewusst herbeigeführte Veränderung des Tieres verbinde. Die frühen Lebensgemeinschaften liegen dann eher in dem Bereicht der Symbiose und müssten vielleicht dann auch als Mensch-Tier-Symbiose bezeichnet werden.
(30.11.2012, 10:22)
Ingo Rossi:   @ Michael Metller: Danke für die Quellen, da habe ich ja einiges zu lesen.
Zur Honigbiene empfehle ich neben einer Mende einschlägiger Bücher diesen recht aktuellen Film: http://www.morethanhoney.senator.de/
Ich war nach dem Kinobesuch schockiert WIE SEHR DOMESTIZIERT die Honigbiene ist.
(29.11.2012, 22:05)
Michael Mettler:   @uru: Und wenn sich eine Spinnenkrabbe lebende Seeanemonen auf ihren Rückenpanzer "pflanzt", um sich zu tarnen, ist das eigentlich auch schon eine Art "Haltung" mit Nutzhintergrund... Das meinte ich auch damit, als ich schrieb, dass Symbiose und Domestikation stufenlose Übergänge haben könnten.

@Ingo Rossi: Ist das mit dem Meisenkasten wirklich nur Ordnungssinn (oder meinetwegen auch das Abarbeiten von Schuldgefühl wegen dessen, was der Mensch der heimischen Natur angetan hat)? Nehmen wir mal das "volle Programm", dann bietet der wohlmeinende Gartenbesitzer der Meise eine Möglichkeit, in seinem Einflussbereich Nachwuchs zu produzieren (Nistkasten), er füttert sie (so Mancher nicht nur im Winter - und zwar generell mit Futter, das auch zur menschlichen Ernährung zählt wie tierisches Fett und Sämereien; so gesehen ist die Meise ein Futterkonkurrent), er stellt ihr Trink- und Badewasser zu Verfügung (Vogeltränke) und schützt sie vor Feinden (Katzenabwehr, im abstrakten Sinn bis hin zum Gerichtsprozess gegen den benachbarten Katzenhalter). Sehr viel mehr wird für viele als domestiziert geltende Tiere auch nicht getan. Zwar isst der Gartenbesitzer gemeinhin seine Meisen nicht, aber einen (oder sogar mehr) Nutzen haben dennoch für ihn: akustischen und optischen Genuss, Insektenvertilgung an seinen Zier- und Nutzpflanzen und - siehe oben - das Erzeugen des Wohlgefühls, etwas Gutes für die Natur zu tun. Und gleichzeitig sorgt er unbewusst für eine Selektion, denn in den Genuss seiner Fürsorge kommen natürlich nur Meisen, die besonders mutig, vertrauensvoll oder unternehmungslustig sind und möglichst in der Brutzeit keine allzu große Distanz zu Artgenossen bevorzugen (denn oft hängen Nistkästen sehr dicht beisammen). Klar, die Vögel können selbst entscheiden, ob sie den Garten aufsuchen oder verlassen wollen. Aber das kann beim Wolf und dem Lager unserer Vorfahren ganz ähnlich gewesen sein, auch wenn er einen "Nistkasten" (= geschütztes Wurflager), Futter und Wasser bekam. Es bliebe ja für die Anfänge sogar die Möglichkeit, dass sich Mensch und Wolf nur saisonal zusammenschlossen.

Zu den gewünschten Quellen: Leider (noch) nicht alles im original, aber vielleicht trotzdem schon hilfreich.

http://www.wildcamels.com/bactrian-camels/scientific-data/
Nicht nur bemerkenswert, dass sich die beiden Trampeltierformen schon vor 700.000 Jahren getrennt haben sollen. Man muss sich auch mal vor Augen halten, dass das, was wir beim Haustrampeltier für Domestikationserscheinungen halten, möglicherweise sogar Wildtiereigenschaften seines Vorfahren sein könnten - was dann wieder die Frage nach der Definition von Haustiereigenschaften aufwirft... Im Falle der Trampeltiere wird sogar artliche, nicht nur unterartliche Trennung diskutiert.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wildpferd
Hier wird die Trennung vor 120.000-240.000 Jahren leider nur erwähnt, bisher habe ich die angegebene Quelle noch nicht frei zugänglich gefunden.

http://www4.uwsp.edu/psych/s/275/science/coevolution03.pdf
Co-Evolution von Mensch und Wolf/Hund bei möglicher Trennung letzterer vor 135.000 Jahren - hier sogar unter Berücksichtigung des Neandertalers als Evolutionspartner des Wolfes.

Ebenfalls interessant:
http://arts.anu.edu.au/grovco/Advantages%20domesticated.pdf
Hier sind auch typische Domestikationsmerkmale aufgelistet. Wobei auch da Fragen bleiben: Warum betrachtet man eigentlich die Honigbiene als domestiziert? Ich habe noch keine Biene mit Schlappohren oder Angorafell gesehen, und eine verminderte Gehirngröße möchte ich auch stark anzweifeln ;-)
(29.11.2012, 15:57)
uru:   Vielleicht hielten schon vor der Mensch andere hominiden domestizierte arten . Mantelpaviane entführen hundewelpen (kein aufzucht natürlich) und behalten die hunde als begleiter.Und schliesslich halten einige ameisen tiere und pflanzen als nutzlebewesen.
(29.11.2012, 13:55)
Ingo Rossi:   @ Michael Metller:Wenn es schon vor dem Eintreffen des Menschen zu einer Abspaltung bei Wolf, Pferd und Kamel kam, so kann es sich doch nur um eine Entwicklung einer Unterart gehandelt haben. Diese war, neben den anderen (Unter)arten vielleicht aus irgendwelchen Gründen (Lebensraum, kleinerer Körperbau, anderes Nahrungsspektrum etc.) oder auch zufällig, dann eben das „auserwählte“ Tier um den Menschen sich zu nähren. Gefunden habe ich allerdings diese Theorie noch in keinem Buch, gibt es dafür eine Quellenangabe?

Die Frage, wann die Domestikation nun eigentlich beginnt, finde ich auch sehr interessant. Das Aufhängen von Meisenknödeln und Nistkästen etc. würde ich allerdings eher auf den Ordnungssinn des Menschen zurückführen, die Natur nach seinen Vorlieben zu ordnen. Das Amseln so beliebt (und gehegt und gepflegt werden) und die intelligenten Krähen so unbeliebt sind, ist ja nüchtern betrachtet, schwierig nachzuvollziehen (wenn mal von dem Aberglauben etc. absieht). Aber natürlich, der Mensch beginnt auch dort schon zu selektieren und die Umwelt zu beeinflussen. Bestimmt wäre das, wie du schon beschrieben hast, zumindest eine gute Möglichkeit die Domestikation (wann immer ein Zeitpunkt der Annäherung dann auch so genannt wird) zu ermöglichen.

Koevoltution könnte zumindest in den Anfängen sehr gut passen. Vielleicht war es aber auch ganz zu beginn ein zufälliges aufeinander Treffen von Menschen und Tieren, bei ähnlichen Lebensbedingungen (wandernde Herden) und ähnlichen Bedürfnissen (Wasser etc.) das eine Annäherung fast schon von alleine mit sich gebracht hat. Reichholf schreibt weiterhin auch, dass sich der Mensch natürlich Arten zur Domestikation ausgesucht hat, die ähnlich wie er leben. Daher konnte er ohne Problem beim Wolf Platz des Rudelführers einnehmen, ähnlich bei Schafen und Ziegen.

(29.11.2012, 10:26)
Michael Mettler:   Übrigens ist es auch mal ein paar Gedanken wert, ob nicht umgekehrt auch die Haustiere den Menschen "nutzen", um sich einen evolutionären Vorteil für ihre Art zu verschaffen. Immerhin hat manche Tierart dadurch, dass sie sich der menschlichen Nähe anpasste, ihre wild lebenden Artgenossen überlebt und existiert nur noch als Haustier (oder dessen wieder verwilderte Form). Schon nach klassischer Sichtweise wären da Dromedar und Rind zu nennen, nach den neueren Ergebnissen scheint das auch für Hund, Pferd und Trampeltier zu gelten - denn für alle drei wird eine genetische Abspaltung von der bisher vermuteten Stammform (Wolf, Przewalskipferd, Wildkamel) weit vor Beginn der Domestikation in den Raum gestellt.
(28.11.2012, 18:35)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Ich sehe das Problem darin, dass wir zwar einerseits an die Evolution glauben, dieser aber in punkto Haustiere eine Art Schöpfungsgeschichte gegenüberstellen - mit dem Menschen als zielgerichtetem Schöpfer, der jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vita der Tierart auf den Plan trat. Kein Wunder, dass sich das beißt - ein Haustier entstand nun mal nicht von heute auf morgen.

Wo fängt Auswahlzucht an? Auch die Ernte "überzähliger" Jungtiere/Eier oder männlicher Stücke greift ja bereits in die Evolution ein, denn es können damit zukunftsträchtige Veranlagungen eliminiert werden, bevor sie überhaupt zum Tragen und zur Weitervererbung kommen. Aus den nicht geernteten Individuen kann dann durchaus ein weiterer Domestikationsschritt werden, aber eher "made by accident" als in planerischer Vorausschau. Und das unterscheidet sich nicht unbedingt von natürlicher Evolution, die ja nicht zielgerichtet voranschreitet und trotzdem eine Art von Auswahlzucht darstellt. Aber wenn ein Vorgang wie am Anfang dieses Absatzes schon als Domestikation bezeichnet wird, dann domestiziert sich doch auch der Löwe die Beutetiere in seinem Revier...?

Ehrlich, ich finde es ebenfalls entspannter, der gängigen Lehrmeinung zu folgen. Aber je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige (und das jetzt schon einige Jahre lang), desto mehr Zweifel an der Darstellung kommen mir. Zumal ich selber aus eigener Praxis auch züchterisches Denken und Handeln kenne und von daher weiß, dass die beste Planung oft vergeblich ist, wenn einem nicht der Zufall in die Hände spielt und die Tiere quasi von sich aus etwas anbieten, mit dem man dann "weiterarbeiten" kann.

Ich finde, dass der Begriff Co-Evolution zu den Prozessen der eigentlichen Haustierwerdung inhaltlich sehr viel besser passt. Mit "eigentlich" meine ich die Entwicklung vom Wildtier zum Haustier, nicht z.B. von einem Haustier zu einer neuen, leistungsfähigeren Rasse, wie sie das Bild der letzten Jahrhunderte der Haustierzucht in unserem Kulturkreis prägt.

Übersetzt bedeutet Domestikation doch in etwa sowas wie "Häuslichmachung". Definiert man das so, dass der Mensch zu seinem Nutzen gezielt Tiere in seiner Nähe bindet (auf welche Weise und zu welchem Nutzen auch immer), dann wäre damit ein Ausgangspunkt festgelegt und Maßnahmen wie der Eingriff in die natürliche Zuchtwahl (wiederum: auf welche Weise auch immer, siehe oben) usw. wären lediglich Folgeschritte. Allerdings würde das bedeuten, dass z.B. das Aufhängen von Nistkästen und Meisenknödeln im Garten bereits unbewusstes Domestikationsbestreben wäre. Und dass Domestikationsprozesse bei unseren altbekannten Hautierarten möglicherweise weit vor dem Zeitpunkt begannen, an dem unsere Vorfahren sie erst regelrecht in ihre Gewalt brachten (durch Anbinden, Fesseln oder Einsperren).
(28.11.2012, 18:20)
Ingo Rossi:   @ Michael Mettler: Am liebsten wäre mir ja eine klare Definition von Domestikation. Verschiedene Quellen und mehr oder weniger strenge Auslegung des Begriffs. Ich denke ganz klar, der Mensch beeinflusst seine Umgebung mehr oder weniger stark. Ob bewusst oder unbewusst, die ganzen Kulturfolger sind ja durchaus auch ein Beispiel von, ja von was? Anpassung an neue Lebensumstände oder eben gar schon eine beginnende Domestikation? Daher wäre mir lieber, wenn Domestikation eine bewusste und geplante Auswahlzucht bedeuten würde. Gleichwohl erkennennend, dass es viele sehr schwammige Bereiche gibt. Ich erinnere mich an Untersuchen an Dickhornschafen, deren Hörner an Stärke im Laufe der Jahrzehnte durch die Bejagung kapitaler Böcke abgenommen hat. So gesehen ja auch schon eine (ungeplante) Auswahl“zucht“. Ähnliche Annahmen gibt es ja wohl auch bei den Stosszahnlosen Elefantenbullen in Indien. Oder ist das veränderte Flug- und Ernährungsverhalten des Mäusebussards an Autostrassen auch schon eine Bindung an den Menschen bzw. seine Lebensumstände? Solche Bespiele gibt es ja nun wirklich jede Menge.

Aber jeder Beutegreifer hat sich ja seine Beute zumindest so erzogen, dass sie sich um eine optimale Tarnung im Erscheinungsbild und auch im Verhalten bemühen.

Immer mehr deutlich werden auch mir die graduellen Unterschiede zwischen den Tierarten und dass es das Reine nicht gibt und auch nicht im Sinne der Natur sein kann.

(28.11.2012, 15:50)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi, um mit dem letzten Punkt anzufangen: Man könnte natürlich als Definition festlegen, dass ein Tier erst dann wirklich domestiziert ist, wenn es nur durch menschliche Unterstützung überlebensfähig ist. Denn man könnte ja glatt behaupten, dass Domestikation nach heutiger Definition ein umkehrbarer bzw. vorübergehender Prozess sein kann: Verwilderte Haustiere aller möglicher Arten kommen überall auf der Welt durchaus ohne den Menschen aus und stellen sich erfolgreich (wieder) der natürlichen Selektion. Wir rümpfen zwar die Nase über sie, wenn sie dies in Lebensräumen tun, in denen sie eigentlich nichts zu suchen haben - oder eher deshalb, weil sie sich als Abtrünnige unserer Kontrolle entziehen...?

Ein Zoolöwe, der mangels Anleitung nicht jagen kann, ist theoretisch ein vom Menschen abhängiges Tier. Würde man ihn irgendwo in die Wildnis entlassen, käme es aber vielleicht darauf an, wie die dortige Situation aussähe. Immerhin kann er sich auch als Aasfresser durchschlagen, vorausgesetzt, es bleibt genügend Aas anderer Beutegreifer übrig oder er lernt, diese von ihrer Beute zu vertreiben. Und schon könnte aus dem "untauglichen" Tier eine neue evolutionäre Entwicklungslinie werden. Unterartenmixe kommen auch in der Natur vor, den Faktor würde ich nicht zu hoch hängen wollen. In einer älteren Diskussion hier im Forum hatte ich mal zu Löwen oder Tigern geschrieben, dass Unterarten doch letztlich Spezialisierungen auf bestimmte Lebensbedingungen darstellen und eine Vermischung womöglich eine Art "Reset" darstellen könnte, aus der sich neue Anpassungsmöglichkeiten ergeben könnten. Da gebe ich aber auch ganz offen zu, dass sich dieser Gedankengang in meinem Kopf einen ganz schön gewaltigen Krieg mit dem "Reinheitsgedanken" liefert, der für mich über Jahrzehnte der einzig wahre war.

Wenn man in Domestikation schlichtweg eine Anpassung an die Lebensumstände in menschlicher Nähe sieht, dann würde ich schon sagen, dass auch Zootiere ein Stadium des Prozesses darstellen. Immerhin fand schon bei Fang, Eingewöhnung und Transport eine Selektion auf Individuen statt, die mit diesen Prozeduren zurechtkamen, bei der Haltung selektierten sich weitere heraus (besonders schreckhafte z.B. durch Genickbruch an zaun oder Glas), und bei der Zucht nochmals (durch geringere Fruchtbarkeit, höhere Störanfälligkeit bei der Aufzucht usw.). ABER: siehe oben. Wenn Haustiere erfolgreich verwildern können (auch wenn es nicht alle schaffen), dann auch Zootiere (auch wenn es nicht alle schaffen). Also sehe ich persönlich auch kein Problem darin, wenn Zootiere in den Domestikationsprozess einfließen. Und auch bei den schon genannten Amseln, Elstern oder Füchsen stellt ebenso wie z.B. beim Rothirsch oder anderem Jagdwild der Mensch und seine Umgebung einen Selektionsfaktor dar, der vielleicht nicht geringer ist als bei der Zoohaltung. Auch da ist es so: Ich bin mit der scharfen Abgrenzung Wildtier/Haustier aufgewachsen und sie ist tief in mir verankert, aber mir kommen immer mehr Zweifel an der Rechtfertigung.

Nein, ich denke nicht (mehr), dass der Hund bewusst domestiziert wurde. Meine Gedanken gehen heute eher in die Richtung, dass sich das Miteinander allmählich und unter aktiver Beteiligung beider Seiten ergab. Es macht durchaus Spaß, manche der althergebrachten Darstellungen einfach mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sich den Glorienschein wegzudenken, der unseren Vorfahren als kühnen Eroberern, tapferen Jägern und vorausschauenden Züchtern verliehen wurde. MUSS es wirklich so gewesen sein, dass der zum Jagdhelfer gezähmte Wolf den Jäger zur Beute führte und dafür mit Teilen davon belohnt wurde? Genausogut könnte der Mensch anfangs dem Wolf schlichtweg nachgelaufen sein, um sich Teile von dessen Beute zu sichern und ggfs. das Aas gegen andere Raubtiere zu verteidigen (wovon dann auch wieder der Wolf profitiert hätte).

Eine Äußerung aus meinem letzten Beitrag muss ich revidieren: Es gab und gibt heute noch Wölfe in Afrika (Äthiopischer und Ägyptischer Wolf), da hatte ich zu kurz gedacht, nämlich nur an das Entstehungsgebiet des Menschen. Aber der Vor-Wolf, aus dem sich der Äthiopische Wolf entwickelte, soll erst vor rund 100.000 Jahren in Afrika eingewandert sein (interessanterweise in jenem Zeitraum, in dem ihm der moderne Mensch quasi auf der Gegenspur "out of Africa" begegnete), also erst lange nach der postulierten Wolf-Hund-Splittung vor 135.000 Jahren.

Abschließend zu deiner Bemerkung zu Reichholf: Interessante Ideen finde ich am wichtigsten. Die liefern nämlich prima Anstöße zum Querdenken ;-)
(27.11.2012, 23:16)
Ingo Rossi:   @ Michael Mettler: Erwarte von dem vielzitierten Buch nicht allzu viel. Auch bei Reichholf werden die Kapitel immer kürzer und seichter. Aber interessante Ideen hat er immer wieder.

Meinst du wirklich, der Hund wurde bewusst domestiziert? Ich denke immer noch, es war ein Zufallsprodukt. Niedliche Wolfswelpen, die später vertrieben oder sogar getötet wurden (wie das in manchen Völkern ja lange Zeit üblich war). Erst später wurde vielleicht die Tatsache einen Wolf zu besitzen zu verschiedenen Zwecken genutzt.

Um mal bei Reichholf zu bleiben, er geht davon aus, dass die Stammmütter aller Hunde sechs oder höchsten 50 Wölfinnen waren. Gezielte Zucht vor 15 400 oder frühestens vor 40 000 Jahren. Aber gleichzeitig sagt auch er, dass Wölfe und Menschen schon kurz nach der Auswanderung des Homos aus Afrika begonnen haben locker zusammen zu leben. Wölfe profitierten da durchaus von dem Menschen, der alleine kaum gejagte Grosstiere verzehren konnte.
Ob in dieser Zeit schon eine neue Unterart des asiatischen Wolfes (Reichholf geht von dieser Art aus) entstanden ist oder nicht, solange noch eine vom Menschen durchgeführte Auswahlzucht eingesetzt hat, muss es sich ja noch um eine Wolf(unter)art gehandelt haben.

Dazu dann aber auch noch mal meine Frage, die immer wieder in der Diskussion um Zoo-/Circustiere auftaucht: Was ist ein Wildtier und wann wird es zum Haustier oder einem Zwischenzustand? Wäre z.B. der Zoolöwe, ein Mix aus verschiedenen Unterarten, der zahm und wild genug ist, um so unserem Bild eines Löwen zu entsprechen, ohne jedoch in freier Wildbahn ohne weiteres leben zu können, der Beginnt einer Domestikation?


(27.11.2012, 21:12)
Michael Mettler:   @Ingo Rossi: Ich muss mir dieses Buch von Reichholf wohl zulegen...

Es gäbe ja nicht nur gemeinsame Fressfeinde, die Weidetiere dazu bewogen haben könnten, sich in der Nähe des Menschen aufzuhalten bzw. umgekehrt. So weit mir bekannt - die Quelle müsste ich suchen - gibt es z.B. Nachweise dafür, dass Menschen schon zu sehr früher Zeit über weite Strecken hinweg Salz transportiert haben. Und das ist ja nun DAS Lockmittel schlechthin für viele Huftiere, damit werden ja auch heute noch halbwilde, freilaufend gehaltene Tiere wie manche Ziegenrassen oder Gayale in und an menschliche Ansiedlungen gelockt. Wobei man bei solchen Fällen das "gehalten" meiner Ansicht nach tatsächlich in Anführungszeichen setzen müsste, denn faktisch leben solche Tiere die meiste Zeit wild und der natürlichen Selektion unterworfen. Aber zurück zum Salz: Das gezielte Anlocken von Tieren war möglicherweise nur der zweite Schritt. Schließlich sorgte der Mensch auf ganz natürliche Weise für künstliche Salzlecken in der Umgebung seines Lagers - mittels seiner Ausscheidungen...

WOFÜR unsere Vorfahren einen zahmen Wolf haben wollten, dazu gibt es ja auch unterschiedliche Ansichten. Nach altem Klischee als Jagdhelfer - dabei wäre er als Wächter für die NICHT auf Jagd befindlichen Frauen, Kinder und Alten sicher genauso nützlich, wenn nicht sogar wichtiger (und viel einfacher zu bewerkstelligen) gewesen. Es gibt ja eine solche Theorie, dass der Hund nicht durch den Mann (= weit umherstreifenden Jäger), sondern durch die Frau (= Lagerhüterin) zum Haustier wurde. Warum nicht auch andere Tierarten? Und wenn wir das mit dem Thema Huftiere verschmelzen, dann wäre die Karriere des Hütehundes vielleicht genauso alt oder gar älter als die des Jagdhundes. Im / beim Lager geborene Welpen konnten schließlich wie heutige Herdenschutzhunde in Sozialisation mit Mensch und Tier heranwachsen und das (Halb)Wildleben um das Lager herum als "ihre Gruppe" betrachten. Damit hätten sie zum Burgfrieden beigetragen. Auch dieses Prinzip kennt man doch von diversen Raubtier-Beispielen, ob wild oder domestiziert: Zieht man sie zusammen mit Tieren auf, die eigentlich zu ihrem Beutespektrum gehören, kann es darauf hinauslaufen, dass sie den "eigenen" Tieren kein Härchen krümmen, aber Artverwandte davon aus dem Territorium jagen oder fressen.

Wobei sogar die Formulierung "zahmer Wolf" heutzutage schon wieder diskussionswürdig wäre. Es wurde nach genetischen Forschungen postuliert, dass sich die Entwicklung von Wolf und Hund schon vor 135.000 Jahren getrennt haben soll. In dieser Zeit hat sich ja auch der Wolf evolutionär weiterentwickelt. Und der Clou ist, dass der moderne Homo sapiens nach derzeitiger Annahme erst vor ca. 110.000 bis 80.000 Jahren Afrika verlassen hat, wo es gar keine Wölfe gab, die er hätte domestizieren können. Also hätte sich der Hund über einen längeren Zeitraum bereits parallel zum modernen Wolf ohne menschlichen Einfluss aus einer gemeinsamen Stammform entwickelt. Und genau ein solches Szenario wird inzwischen auch aufgrund genetischer Studien z.B. für Pferd und Trampeltier dargestellt.
(27.11.2012, 13:21)
Ingo Rossi:   @Michael Mettler:Danke für die Eröffnung des neuen Threads.

In Reichholfs „Natur geschichte(n)“ schreibt er über die beginnende Domestikation. Er nennt als wichtigen Grund, um überhaupt Tiere bewusst züchten zu können, genug Nahrrung für Mensch und Tier. Erst wenn der Mensch nicht mehr unmittelbar auf das Essen von Tieren angewiesen war und auch genug (Abfall)produkte hatte um das Tier zu ernähren konnte er anfangen zu züchten. Bis dahin gab es wohl ein Leben nebeneinander und z.B. bei Schweinen, die einen ähnlichen Nahrungsbedarf wie Menschen haben, viele Schnittpunkte und Begegnungen bei der Nahrungssuche.
Der lange Zeit fehlende Ackerbau in Afrika wird von ihm auch als Grund genannt, dass dort sehr wenige Haustiere entstanden sind.
Im Kapitel über die Pferde/Menschbeziehung schreibt er durchaus einleuchtend auch über die Vorteile von Wildtieren sich den Menschen zu nähern. Gerade Huftiere hatten seinerzeit ja ein ähnlichen Feindbild, die großen Fleischesser, wie die Menschen. Dadurch konnte die Nähe zum Menschen durchaus auch den Vorteil haben weniger gejagt zu werden (zumindest von anderen Tieren als den Menschen).

Ich kann mir gut vorstellen, dass wie du geschrieben hast, der „Burgfrieden“ ohne verschreckende Jagden die Tiere in der Nähe der Menschen gehalten hat. Letztendlich dürfte es ja auch heute kein Problem mehr zu sein, aus den den vielen recht zutraulichen Stadtfüchsen Haustiere zu machen. Der Trieb dazu scheint beim Menschen ja immer noch vorhanden zu sein, nicht umsonst wird ständig davor gewarnt, die Füchse durch anfüttern zutraulich zu machen.

Ich denke auch, dass die Domestikation in ihren Anfängen doch ein reines Zufallsprodukt gewesen ist. Man wollte z.B. einen recht zahmen Wolf haben aber war sich doch sicherlich nicht über die ganzen Konsequenzen der Haustierwerdung bewusst. Noch heute gibt es doch immer wieder genug unerwünschte Nebenprodukte.

(27.11.2012, 10:22)
Michael Mettler:   ... als Fortführung der unter "Ich hab da mal 'ne Frage" begonnenen Diskussion über die Abgrenzung zwischen Wild- und Haustieren.

Zum Thema Wildpferd hatte ich zwischenzeitlich schon den Thread "Przewalski-Pferde" genutzt, weil eine dort 2010 gelaufene, ähnlich gelagerte Diskussion durch eine Veröffentlichung, die ich gestern im Net gefunden habe, neue Nahrung bekommt: Genetische Untersuchungen erbrachten den Beweis, dass es unter europäischen Wildpferden schon zu Zeiten der Höhlenmalerei - und somit weit vor dem Zeitpunkt, den man derzeit für den Start der Domestikation des Pferdes hält - bereits mindestens drei Farbvarianten gab, die auch sämtlich in der Höhlenkunst dargestellt sind - inklusive Tigerschecken. Von 31 untersuchten Individuen quer durch Europa bis hin nach Sibirien trugen 13 (alle aus Europa) Färbungsgene, die nicht der "Normalfärbung" entsprechen. Sieht also ganz danach aus, als habe es ERST Farbenvielfalt gegeben und dann Domestikation statt umgekehrt - falls nicht der Beginn der Domestikation in ungeahnter Frühe lag...

Die spannende Frage ist ja, ob ein Tier zum Haustier WURDE oder dazu GEMACHT WURDE - was ja je nach Tierart durchaus unterschiedlich verlaufen sein kann. Die letztere Variante stellt den Menschen vor Tausenden von Jahren als planmäßig agierenden "Neuzüchter" hin, der sich Tiere fängt, um sie und ihre Nachkommen gezielt zu nutzen und Merkmale durch gezielte Zuchtwahl zu bewahren und weiterzuentwickeln. Dennoch war er dabei vom Auftreten von Zufallsmutationen abhängig, denn er konnte nur weiterbearbeiten, was die Natur ihm anbot.

Die andere Möglichkeit wäre, dass sich bestimmte Tierarten aus irgendwelchen Gründen gern in der Nähe des Menschen aufhielten (und umgekehrt) und sich aus dieser Nähe eine Co-Evolution entwickelte - man domestizierte sich quasi gegenseitig, denn auch der moderne Mensch ist ja eine Art Domestikationsprodukt. Für der Vorfahren des Haushundes wurde sowas ja schon lange vermutet, aber warum sollte es nicht auch für Huftiere gelten? Hat sich möglicherweise gar nicht der Mensch gezielt seine Domestikationskandidaten ausgeguckt, sondern ergaben sie sich von ganz allein, weil nur bestimmte Tierarten seine unmittelbare Nähe duldeten oder gar suchten?

Die übliche Darstellung der Domestikation besteht darin, dass der Mensch seine planerische Intelligenz einsetzte, um Tiere in seine Gewalt zu bringen, über die und über deren Nachfahren er frei verfügen konnte. Aber gab es nicht möglicherweise subtilere Methoden? Den heute noch existierenden Naturvölkern wird ein enormes Wissen über die Tierwelt ihrer Umgebung und gewöhnlich auch eine spirituelle Verbindung zu dieser bescheinigt. Was wäre, wenn frühere Naturvölker Tiere nicht mit Gewalt an sich gebunden hätten, wie es die übliche Version sagt, sondern mit Einfühlungsvermögen und möglicherweise anfangs sogar ohne Fesseln und Zäune...? Wer (zumindest teilweise) von der Jagd abhängig ist, wird schnell lernen, mit welcher Jagdmethode man Wild dauerhaft vergrämt und mit welcher es in der Nähe bleibt, auch wenn es hie und da seinen Blutzoll entrichtet. Es dürfte auf der Hand liegen, dass die letztere Variante auf Dauer die erfolgreichere ist.

Die ersten domestizierten Tierarten - Hund, Schaf und Ziege - haben interessanterweise gemeinsam, dass bei ihnen Mehrlingsgeburten die Regel (Hund) oder zumindest sehr häufig sind (Schaf und Ziege). Wenn es der damalige Mensch geschafft hätte, ihre wilden Vorfahren gewaltlos in seiner Nähe zu behalten, hätte er allein durch Abschöpfen von "überzähligen" Jungtieren (ohne den gesamten Nachwuchs zu "ernten") Proteinquellen in nächster Nähe gehabt, und sei es nur für den Fall, dass er andernorts keinen Jagderfolg erzielte. Das Geheimnis wäre also "Burgfrieden" gewesen: Keine Jagd in unmittelbarer Nähe eines länger bewohnten Lagers (bzw. allenfalls Kleintierfang), so dass die dort lebenden größeren, aber für den Menschen harmlosen Tiere nicht vergrämt wurden. Dass Tiere schnell merken, wo sie in (relativer) Ruhe gelassen werden, sieht man ja an Beispielen wie den Einwanderungen in Stadtgebiete oder in Nationalparks. Und Tiere sind hervorragende Beobachter - warum sollten sie damals nicht auch lagernde Menschen beobachtet haben und ihnen gegebenfalls sogar bei Lagerwechsel gefolgt sein, wenn es dazu einen ausreichend großen Anreiz gab? Tiere mit sehr eng gefasster Territorialität würden sowas natürlich nicht mitmachen - aber sind es nicht gerade diesbezüglich flexiblere Tierarten, die unsere Haustiere wurden...? Hie und da dürften die Anlässe zum Ortswechsel für Mensch und Tier ohnehin die gleichen gewesen sein (Sommer/Winter, saisonaler Wassermangel usw.).

So oder so: Aus der Sicht des Tieres ist der Mensch ein Umweltfaktor, dem es sich anpassen kann oder nicht. Der beste Weg zur Anpassung ist es, Variationsbreite anzubieten, um im Selektionsspiel möglichst viele Chancen auf einen Sieg zu wahren (und sei es nur ein vorläufiger, denn die Bedingungen müssen ja keineswegs konstant bleiben). Da macht es m.E. wenig Unterschied, ob der Selektionsfaktor Schlechtwetter, Nahrungsmangel, Löwe oder Mensch heißt (um nur ein paar Beispiele zu nehmen). Hatten also bestimmte Tierarten gerade in menschlicher Nähe eine hohe Variationsbreite entwickelt, aus der sich der Mensch lediglich irgendwann später etwas herauspickte, als er die Gelegenheit nutzte, auf einen längst fahrenden Zug der Domestikation aufzuspringen...? Damit würde sich die altgewohnte Grenze zwischen Wild- und Haustier natürlich noch mehr verwischen als sie es in manchen Fällen ohnehin schon tut.
(26.11.2012, 17:39)

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