
| cajun: | Eine PM zum Thread Thema aus Frankfurt: "Die Aufarbeitung einer Epoche: Der Frankfurter Zoo und die âVölkerschauenâ In der Zeit von 1878 bis 1931 fanden im Zoo Frankfurt die sogenannten âVölkerschauenâ statt. Gemeinsam mit dem Dezernat Kultur und Wissenschaft lĂ€sst der Zoo dieses unrĂŒhmliche Kapitel nun wissenschaftlich aufarbeiten. Mit der Untersuchung wurden die beiden Historiker:innen Dr. Franziska Jahn und Dr. Clemens Maier-Wolthausen beauftragt, die bereits das koloniale Erbe des Zoo Hannover erforscht haben. Der Zoo Frankfurt wurde 1858 von BĂŒrgern der Stadt gegrĂŒndet. Er ist damit â nach Berlin â der zweitĂ€lteste Zoo Deutschlands. Ein bekanntes, aber bislang nicht kritisch eingeordnetes Thema seiner langen Geschichte sind die sogenannten âVölkerschauenâ, Zurschaustellungen von Menschen aus anderen Regionen und Kulturen, die Ende des 19. bis Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts dort gastierten. Eine solche Einordnung war seit langem der Wunsch des Zoos sowie des zustĂ€ndigen Dezernats Kultur und Wissenschaft, die den Aufarbeitungsprozess gemeinsam vorantrieben. Im Sommer 2023 beschloss die Stadtverordnetenversammlung ein Budget dafĂŒr bereitzustellen. Daraufhin konnte der Zoo damit beginnen, nach Expert:innen fĂŒr die wissenschaftliche Aufarbeitung der âVölkerschauenâ zu suchen. Die Wahl fiel auf Dr. Franziska Jahn und Dr. Clemens Maier-Wolthausen aus Berlin, die gemeinsam bereits das koloniale Erbe des Zoos in Hannover erforscht haben. Im Dezember 2025 schlossen die beiden ihre Vorstudie ab. âIch bin froh, dass wir nach grĂŒndlicher Suche gleich zwei renommierte Expertisen fĂŒr die Aufarbeitung der Geschichte der sogenannten âVölkerschauenâ im Zoo Frankfurt gewinnen konnten. Die rassistischen und exotisierenden Stereotypen, die mit solchen Unterhaltungsformaten geradezu kultiviert wurden, wirken bis heute fort und als Teil der Kolonialgeschichte nach. Solche PhĂ€nomene mĂŒssen wir uns unbedingt und in verschiedenen ZusammenhĂ€ngen bewusst machen. Daher fördern und unterstĂŒtzen wir gezielt Projekte und Prozesse stadtweit, die sich mit dem Thema Erinnerungskultur befassenâ, betont Dr. Ina Hartwig, Dezernentin fĂŒr Kultur und Wissenschaft. Die Vorstudie umfasste die Sichtung der Forschungsliteratur sowie der Quellenlage zu den insgesamt 36 Schauen, die im Zoo nach aktuellem Forschungsstand stattfanden. Sie blickt aber auch ĂŒber den Zoo hinaus, denn auch an anderen Orten in Frankfurt gastierten die seinerzeit populĂ€ren und weit verbreiteten Schauen, etwa im CafĂ© an der Neuen Börse, im Palmengarten und am Ausstellungsplatz an der ForsthausstraĂe. Unter dem Deckmantel von Bildung und Wissenschaft wurden Menschen â oft begleitet von Tieren â einem zahlenden Publikum vorgefĂŒhrt. Der Frankfurter Zoo richtete die Schauen zwar nicht selbst aus, nahm aber die Angebote der entsprechenden Impresarios an. FĂŒr den Zoo ist die Vorstudie erst der Beginn der Aufarbeitung. âEin verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Geschichte ist auch mit Blick auf die Weiterentwicklung und Gestaltung des Zoos im Rahmen unseres Masterplans bedeutsam. Wir sind sehr froh, dass wir nun auf diesen fundierten Erkenntnissen aufbauen und in einem weiteren Schritt die Hauptstudie angehen können. Am Ende dieser Hauptstudie möchten wir die Ergebnisse so aufbereiten, dass sie unseren Besucherinnen und Besuchern und allen Interessierten zugĂ€nglich sindâ, sagt die stellvertretende Zoodirektorin Dr. Sabrina Linn." Quelle:https://www.zoo-frankfurt.de/de/news/news-detail/die-aufarbeitung-einer-epoche-der-frankfurter-zoo-und-die-volkerschauen (15.12.2025, 14:23) | ||
| cajun: | Der Zoo Hannover hat sich mit seiner Historie beschĂ€ftigt: "ERLEBNIS-ZOO HANNOVER PRĂSENTIERT STUDIE ZU KOLONIALEN SPUREN âDie Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover von 1878 bis 1932â - Studie zum Download Zwischen 1878 und 1932 wurden im Zoo Hannover nicht nur Tiere aus fernen LĂ€ndern prĂ€sentiert, sondern auch Menschen â vorrangig aus den Kolonialgebieten. Der Zoo Hannover hat die Zeit dieser sogenannten âVölkerschauenâ von den Historikern Dr. Clemens Maier-Wolthausen und Dr. Franziska Jahn untersuchen lassen. Ihre ĂŒber 150 Seiten starke Studie âDie Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover von 1878 bis 1932. Ein Forschungsbericht im Spiegel zeitgenössischer Quellenâ liegt jetzt vor und wird auf der Website des Zoos zum Download angeboten. Studien-Ăbergabe âUm die Zukunft zu gestalten, mĂŒssen wir aus der Geschichte lernenâ, erklĂ€rte Zoo-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Andreas M. Casdorff bei der Vorstellung der Studie, âwir empfanden die bisherige Behandlung des Themas in den Zoopublikationen als unzureichend und haben daher Wissenschaftler gebeten, diese LĂŒcke zu schlieĂen.â Im Dezember 2022 beauftragte Casdorff den Historiker Dr. Clemens Maier-Wolthausen, die Zeit der sogenannten Völkerschauen zu erforschen, im Juni 2023 ergĂ€nzte Dr. Franziska Jahn das Forschungsteam. Der Zoo als Auftraggeber hatte auf die Vorgehensweise der Wissenschaftler und den Inhalt der Studie keinen Einfluss. Die jetzt vorliegende Studie bietet einen umfassenden Ăberblick ĂŒber die im Zoologischen Garten Hannover gezeigten Zurschaustellungen. Sie basiert auf einer umfangreichen Vorarbeit im Feld einer steigenden Zahl von Publikationen zu âVölkerschauenâ allgemein und in anderen Zoos sowie auf systematischen Zeitungsrecherchen. âUnsere Studie stellt die erste ausfĂŒhrliche Untersuchung zu diesem Thema in Hannover darâ, erklĂ€rte Historiker Maier-Wolthausen. âDem Wunsch der Zoo Hannover gGmbH, das Thema transparent und detailliert in die Ăffentlichkeit zu tragen, sind wir gerne nachgekommen.â Sogenannte âVölkerschauenâ wurden ab den 1870er Jahren zu einem weitverbreiteten kulturellen PhĂ€nomen, welches in Theatern, VarietĂ©s, VergnĂŒgungsstĂ€tten, Panoptiken, Bierlokalen, auf JahrmĂ€rkten und in Zirkussen, auf Kolonial- oder Gewerbeausstellungen und nicht zuletzt in TiergĂ€rten anzutreffen war. Die Recherche konzentrierte sich hauptsĂ€chlich auf den Schaustellungsort Zoo, schlieĂt aber auch die weiteren Ausstellungsorte in Hannover ein. âSie ergĂ€nzen das Bild fĂŒr den Hannoveraner Zoo um wichtige Informationen zum Umfeld der dort gezeigten Zurschaustellungen und den gesellschaftlichen Bedingungenâ, so die Historiker, âdie weiteren Schauen in Hannover kontextualisieren auf diese Weise die Motivationen und Organisation der Zurschaustellungen im Zoo.â Im Rahmen der Recherche konnten Maier-Wolthausen und Jahn etwa 550 Zurschaustellungen im deutschen Sprachgebiet zwischen 1874 und den 1950er Jahren identifizieren. âDavon wurden insgesamt 14 solcher Zurschaustellungen mit Sicherheit auf dem GelĂ€nde des Zoos in Hannover gezeigtâ, so Maier-Wolthausen, âund mindestens 37 an 15 anderen Orten in Hannover.â Die identifizierten Zurschaustellungen im Zoo und in der Stadt Hannover werden in der Studie chronologisch vorgestellt. Jeder Schau ist eine Kurzbeschreibung mit den Informationen ĂŒber den Titel, den Impresario/Schausteller, die Herkunft der Gruppe, Tiere, die Dauer und den Ort, an dem die Schau in Hannover gezeigt wurde, sowie die Reiseroute vorangestellt. Die Studie beschreibt die Herkunft, die Lebensbedingungen, Unterbringung und Verpflegung der zur Schau gestellten Menschen, die Arbeitszeiten und Entlohnung. Sie beschreibt die Inszenierungen und Darstellungen, mit denen die âFremdenâ vorgestellt wurden, ihre Freizeit sowie den Kontakt zur lokalen Bevölkerung bzw. Zoobesuchenden. Sie untersucht die Motivation der Teilnehmenden und die Rezeption durch Publikum und Presse. âEin âSinnâ der Schauen bestand in der BestĂ€tigung im Vorhinein festgelegter Wertigkeitsskalenâ, erklĂ€rte Historiker Maier-Wolthausen. âDas Publikum kam nicht bewusst, um beim Zuschauen sein Selbstbild zu bestĂ€tigen, sondern es kam aus Neugier, aus Lust am VergnĂŒgen, vielleicht gar aus dem Wunsch heraus, etwas ĂŒber andere Kulturen zu lernen oder Menschen zu begegnen.â Dennoch habe das System der âVölkerschauenâ auf den bereits zuvor festgelegten Kategorien von âwertvollâ und âwertlosâ, âzivilisiertâ und âwildâ, âschönâ und âhĂ€sslichâ, âobenâ und âuntenâ beruht. Die Ausgestellten wurden in dieser Logik als âminder-zivilisiertâ und damit als âminderwertigâ eingestuft. âIn diesem Sinn beruhten alle Zurschaustellungen in und auĂerhalb der Zoos auf rassifizierenden Stereotypen, die sie selbst reproduzierten. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sie Einzelnen auch eine Form der Kontaktaufnahme ermöglichten. ,Völkerschauenâ taten wohl beides: BestĂ€tigungen liefern und herausfordernâ, so die beiden Historiker. FĂŒr die beiden Autoren der Studie sei es unzweifelhaft, dass die Bilder, die oft zehntausende Besuchende sahen, ĂŒber die in Zeitungen und sicher auch mĂŒndlich berichtet wurde, âeine WirkmĂ€chtigkeit entfaltetenâ. âAuch in Hannover dĂŒrften sie Anteil daran gehabt haben, dass die Hierarchisierung von Menschen bis in die Gegenwart hinein fortgeschrieben wurdeâ, so Maier-Wolthausen. âUm die Geschichte zu verstehen, mĂŒssen wir sie erst einmal beleuchten. Wir sind froh, dass nun ein Licht auf diesen Aspekt der Hannoveraner Zoogeschichte geworfen wird. Wir werden die Studie allen Interessierten zur VerfĂŒgung stellen und auf der Website darĂŒber informierenâ, sagte Zoo-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Casdorff. Die Studie âDie Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover von 1878 bis 1932. Ein Forschungsbericht im Spiegel zeitgenössischer Quellenâ von Dr. Clemens Maier-Wolthausen und Dr. Franziska Jahn wird unter https://www.zoo-hannover.de/koloniale-spuren zum kostenfreien Download angeboten." Quelle:https://www.zoo-hannover.de/news/erlebnis-zoo-hannover-praesentiert-studie-zu-kolonialen-spuren (13.06.2024, 08:46) | ||
| Michael Amend: | In den USA haben auch Völkerschauen stattgefunden. In Boston wurde 1859 durch Initiative von P.T Barnum das erste Aquarium in den USA eröffnet, das bereits 1860 an einen anderen Standort verlegt und vergröĂert wurde. Dort wurden dann auch SĂ€uger wie GroĂkatzen und BĂ€ren, Affen und sogar Hirsche gehalten. 1861 traf ein WeiĂwal ein. Trotz allem muĂten dem Publikum aber auch anderweitige Attraktionen geboten werden, so wurden auch Völkerschauen gezeigt, 1862 waren sĂŒdafrikanische Aborigines, wohl BuschmĂ€nner, sowie eine Mohawk-Indianergruppe. Es blieb wohl bei den beiden, denn das Aquarium wurde bereits 1863 wieder geschlossen. Vorher wurde aber noch eine "Albino"Familie vorgefĂŒhrt......... (31.05.2009, 17:17) | ||
| Sacha: | @Jennifer Weilguni: Sehe ich ja auch so. Aber nicht alle ticken wie wir. Zirkusse sind bei einigen ja schon unbeliebt, weil sie ĂŒberhaupt (Wild-)Tiere zeigen. Abgesehen davon handelt es sich bei herkömlichen ZirkusvorfĂŒhrungen nicht um "Ethno-Shows". Das bedeutet, ONB sieht nicht die Konstellation "Wildes Tier - Wilder Mensch" sondern "Wildes Tier - Artist/Jongleur", wobei dies de facto keinen Unterschied macht. Es ist nur eine Frage der Wahrnehmung. (27.05.2009, 09:59) | ||
| Jennifer Weilguni: | @Sacha Ob so eine Schau in einem Zoo stattfinden sollte ? Na, warum denn auch nicht ? Im Zirkus treten Menschen ja auch neben wilden Tieren auf. Hier finden die Besucher das ja auch nicht zu abschreckend um sich solch ein Spektakel anzuschauen. (26.05.2009, 20:25) | ||
| IP66: | Wenn man es so will kann man auch manches Bayernlokal in den USA mit Schuhpattlernummern, Kellnern in Lederhosen und WeiĂwurstgerichten als eine Art "Völkerschau" ansehen. Ich denke, daĂ sich auch in der derzeitigen Beurteilung der völkerkundlichen AktivitĂ€ten der Zoos die Ideologie spiegelt, die behauptet, in den 90er Jahren einen ganz neuen Zoo erfunden zu haben, der mit den VorgĂ€ngerinstitutionen nichts zu tun hat. (26.05.2009, 10:41) | ||
| Sacha: | Was ist eigentlich an einer "Völkerschau" so schlecht? Sofern die Akteure freiwillig auftreten und dafĂŒr auch eine faire Gage erhalten, sehe ich grundsĂ€tzlich nichts Schlechtes daran. Fremde Kultur direkt zu erleben, GegenstĂ€nde zu berĂŒhren, ArbeitsablĂ€ufe mitzuerleben, zu riechen und zu schmecken - daran sehe ich nichts Falsches. Im Gegenteil: Vielleicht kann man dadurch sogar Vorurteile abbauen. Kulturelle TV-BeitrĂ€ge können direkte Erlebnisse nicht ersetzen. Die Tiere im Zoo sind dafĂŒr das beste Beispiel. Ob man eine derartige Ethno-Show in einem Zoo auffĂŒhren SOLLTE (und damit zwangslĂ€ufig in Gefahr gerĂ€t, dass man "Wilde Völker" mit "Wilden Tieren" assoziiert) ist eine andere Frage und teilweise auch Geschmackssache. Leider ist der Begriff Völkerschau zu sehr mit rassistischen/kolonialen Begleiterscheinungen behaftet. WĂŒrde man es Ethno-Show nennen, wĂŒrde sich wohl niemand darĂŒber aufregen. KĂŒrzlich gastierte bei uns die Show "Africa! Africa!" die viele Elemente der damaligen Völkerschauen beinhaltet. Und sie war ein grosser Erfolg. (26.05.2009, 10:12) | ||
| Michael Amend: | Zum GlĂŒck, kann man da nur sagen. Ersatunlich, das nach dem 2. Weltkrieg sogar noch der Berliner Zoologische Garten Versuche unternommen hat, die Völkerschauen wiederzubeleben, mich wundert es nicht, das das Interesse daran nur spĂ€rlich war. (25.05.2009, 20:21) | ||
| Karsten Vick: | @Michael Amend: Aus den gleichen GrĂŒnden wie Duisburg versuchte sich auch Frau Heinroth in Berlin noch mal mit einer Völkerschau. 1952 gab es LapplĂ€nder, 1953 Afrikaner. Vergleiche BONGO 2001. Aber das Interesse der Besucher war nicht mehr groĂ, so dass die Versuche schnell beendet wurden. (25.05.2009, 19:56) | ||
| Michael Mettler: | @Jennifer: Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Weg auch umgekehrt gilt (Stichwort "Schweinegrippe") und die Einwohner der von Touristen besuchten LĂ€nder auch gern mal die Nase darĂŒber rĂŒmpfen, welche "Völkerschau" manche Touris dort abziehen... :-) (19.05.2009, 09:43) | ||
| Jennifer Weilguni: | Wenn ich mal meine Meinung zum Thema "Völkerschau" kundtun darf: Wer heute ĂŒber solche Ausstellungen die Nase rĂŒmpft, der muss auch den Fernseher auslassen und darf auch nicht mehr ins Kino oder Theater. Denn auch hier werden ja so gesehen Menschen gegen Gage der Ăffentlichkeit "zur Schau gestellt". Und nichts anderes hat man ja wohl frĂŒher in den Zoos gemacht. Und was die Krankheiten angeht - dann dĂŒrfen wir auch nicht mehr in die Ferne reisen, denn auch so gelangen unsere "westlichen" Keime und Viren zu Organismen die darauf nicht eingestellt sind. (19.05.2009, 08:37) | ||
| Michael Amend: | Interresant ist, das der aktuellen Duisburg-Chronik nach der Zoo kurz nach dem 2. Weltkrieg eine " afrikanische Volksschau " gezeigt hat, aufgrund mangelnder Tiere. Leider geht der Text nicht nĂ€her darauf ein,in welchem Umfang diese "Volksschau" stattgefunden hat,ich denke aber, das diese nicht die GröĂenordnung der frĂŒheren Völkerschauen erreicht haben dĂŒrfte. Bemerkenswert aber, das nach nach knapp 20 jahren nach der letzten Völkerschau doch noch eine solche in einem deutschen Zoo stattgefunden hat.. (17.05.2009, 17:01) | ||
| IP66: | Die Argumentation dĂŒrfte auch umgekehrt funktionieren: Gerade in der Entstehungsphase der Arche-Ideologie gab es eine Denkweise, die vom gekĂ€figten Hamster ĂŒber den gekĂ€figten Menschenaffen, die beide im Zoo so unwĂŒrdig gehalten wurden, zur Völkerschau fortschritt, die nach Meinung der Zoogegner eben lediglich Menschenausstellung und damit den Gipfel der Perversion bedeutete. Allerdings ist es schwierig, die Freiwilligkeit der sich Darstellenden nachzuweisen, und es gab, insbesondere bei den frĂŒhen, wenig kolonial konnotierten Tourneen eine Reihe von krankheitsbedingten TodesfĂ€llen - wie sie allerdings in Ă€hnlicher Weise auch in Fabriken oder in Bergwerken der europĂ€ischen LĂ€nder vorkamen. Auf der anderen Seite haben dergleichen Schaustellungen die öffentliche Wirkung der Völkerkunde als Wissenschaft gestĂ€rkt und in mancher Hinsicht auch zum VerstĂ€ndnis weniger entwickeler Kulturen beigetragen, und aufgrund der Massenzooentwicklung waren sie auch fĂŒr Angehörige einkommensschwacher und bildungsferner Schichten leichter zu rezipieren. In den meisten FĂ€llen fand die Ausstellung auf einem abgesonderten Teil des ZoogelĂ€ndes statt - in Wuppertal auf der FlĂ€che, die heute die Okapis bewohnen, in Berlin auf einem der GrundstĂŒcke an der budapester StraĂe. Insofern könnte man sie vielleicht mit Naturschutzausstellungen, wie man sie im entvölkerten leipziger Raubtierhaus besuchen kann, vergleichen. (26.04.2009, 10:18) | ||
| Michael Mettler: | Ich werde den Verdacht nicht los, dass man heute ĂŒber die Völkerschauen vor allem deshalb die Nase rĂŒmpft, weil sie in Zoos stattfanden und dadurch der Eindruck entsteht, dass man die "ausgestellten" Menschen ferner LĂ€nder nicht nur rĂ€umlich in die NĂ€he von Tieren rĂŒckte. Was unterscheidet denn die durchschnittliche Völkerschau von z.B. der Wild-West-Show eines William F. Cody alias Buffalo Bill, mit der er Ende des 19.Jh. Amerika und Europa bereiste und seinem Publikum darin Indianer prĂ€sentierte? (25.04.2009, 18:26) | ||
| IP66: | Wenn man das Datum der ersten Völkerschau betrachtet, wird deutlich, daĂ eine Parallelisierung der Weltmachtpolitik unter FĂŒrst BĂŒlow und Wilhelm II. mit den Tourneen des Herrn Hagenbeck auf gewisse zeitliche Schwierigkeiten stöĂt - wenn, so wĂŒrde ich denken, daĂ die exotische Sehnsucht, die die Völkerschauen bedienten, spĂ€ter die politische Akzeptanz von Flottenbauprogramm und Kolonienerwerb in Reichstag und Bevölkerung gestĂ€rkt haben könnte. Allerdings reichen die exotisierenden Zoobauten weit vor die ReichsgrĂŒndung zurĂŒck, so weit, daĂ man fast den Eindruck hat, daĂ das tatsĂ€chliche Vorhandensein von Kolonien das BedĂŒrfnis nach entsprechenden Bauten eher eingeschrĂ€nkt hat - auch wenn in Berlin bei den letzten Stilbauten ein BemĂŒhen um korrektere Nachahmung zu konstatieren wĂ€re. FĂŒr gĂ€nzlich falsch halte ich es, Herrn Virchow, den der Verfasser des Artikels auf seine medizinische Funktion beschrĂ€nken zu mĂŒssen glaubt, der aber im Kreis um den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und in der Reichspolitik schon vor 1870 als Vordenker der liberalen Bewegung gelten darf, eine direkte Verbindung zur GroĂmachtpolitik in den letzten beiden Jahrzehnten des Kaiserreichs zu stellen. Anders verhĂ€lt sich die Sache allerdings beim Ă€gyptisierenden GroĂtierhaus in Antwerpen, wo im dritten Viertel des Jahrhunderts in Ikonographie und Besatz eine Verbindung zwischen der - liberalen - belgischen Monarchie, deren kolonialem Besitz und dem coburgischen Königshaus nachzuweisen ist. Wenn ich recht informiert bin, hat Herr Hagenbeck seine Tourneen auch in das europĂ€ische Ausland ausgedehnt - was angesichts der Phasenverschiebung der Kolonialpolitik der deutschen Nachbarstaaten neue Parallelisierungsprobleme eröffnet. (24.04.2009, 14:38) | ||
| Klaus SchĂŒling: | http://einestages.spiegel.de/static /topicalbumbackground /3612/willkommen_im_menschenzoo.html Dazu folgende Frage: Inwieweit sind die Völkerschauen ein PhĂ€nomen deutscher Zoos? 32 Bilder unter dem Titel Zoo-Spekakel im Kaiserreich (Der Link wurde wegen seiner LĂ€nge geteilt) einestages - Zeitgeschehen aus Spiegelonline Menschen im Wildgehege Cowboys und Indianer, Samen und Nubier: Zu Kaisers Zeiten zeigten deutsche Zoos nicht nur wilde Tiere. Sondern MĂ€nner, Frauen, Kinder aus exotischen LĂ€ndern - ausgestellt wie Vieh. Die Leute kamen in Scharen zu den streitbaren Spektakeln. Von Helene Heise "Schön konnte man unsere GĂ€ste nicht gerade nennen", mokierte sich der TierhĂ€ndler Carl Hagenbeck im Sommer 1874 ĂŒber die Beigabe zur neuesten Lieferung aus Lappland. "Ihre Hautfarbe ist ein schmutziges Gelb, der runde SchĂ€del ist mit straffem schwarzem Haar bewachsen, die Augen stehen ein wenig schief, die Nase ist klein und platt." Dennoch bereiteten die Neuankömmlinge Hagenbeck einige Freude: Von einem norwegischen Agent hatte der Hamburger Kaufmann eine Herde Rentiere aus dem hohen Norden geliefert bekommen - und die dazugehörigen Rentierhirten gleich mit. Dem Hamburger Publikum sollten die samischen Nomaden mit den groĂen Hirschtieren ein noch nie gesehenes Bild darbieten. Also schlugen die Rentierhirten ihre Zelte auf dem GelĂ€nde der Hagenbeck'schen Tierausstellung am Neuen Pferdemarkt, mitten im Hamburger Stadtteil St. Pauli, auf. Tausende Schaulustige kamen in den nĂ€chsten Wochen, um sie zu bestaunen. Zur Gaudi der Schaulustigen bauten die Samen ihre Zelte ab, luden sie auf ihre Schlitten, zogen damit ein paar Mal im Kreis herum und bauten sie wieder auf. Zwischendurch zeigten sie dem zahlenden Publikum ihre Kunstfertigkeit beim Einfangen der Tiere mit dem Lasso, nĂ€hten KleidungsstĂŒcke, schnitzten Schlitten und Schneeschuhe. Besonderes Aufsehen erregte "die kleine LapplĂ€nderfrau", notierte Veranstalter Hagenbeck, "wenn sie ihrem SĂ€ugling die Brust reichte". FĂŒr so unbeschwert natĂŒrliche Exotik standen die Menschen vor Hagenbecks Kasse Schlange. Die Idee wurde ein voller Erfolg, und Hagenbeck war voller Stolz auf seinen Menschenzoo: "Es war mir vergönnt, die Völkerausstellungen als erster in die zivilisierte Welt einzufĂŒhren", lobte sich der Unternehmer in seinen Memoiren selbst. Auf JahrmĂ€rkten und an FĂŒrstenhöfen waren zwar schon seit dem Mittelalter Menschen aus anderen Erdteilen vorgefĂŒhrt worden, die sich neben Zwergen oder Frauen ohne Unterleib den neugierigen Blicken der EuropĂ€er aussetzen mussten. Doch der TierhĂ€ndler und spĂ€tere ZoogrĂŒnder aus Hamburg war tatsĂ€chlich der erste - und wirtschaftlich erfolgreichste - Organisator groĂ angelegter "anthropologisch-zoologischer Schauen", wie er selbst seine Spektakel nannte. "Hottentotten" fĂŒr die Wissenschaft Das Konzept von Hagenbecks Ethno-Events war ganz neu: Gezeigt wurde eine komplette Gruppe mitsamt Tieren, Behausungen und GerĂ€tschaften. Den europĂ€ischen Betrachtern sollte die Show ein realitĂ€tsnahes Bild des tĂ€glichen Lebens der jeweiligen Volksgruppe zeigen. Nach dem Sensationserfolg mit den Samen warben Hagenbecks Agenten in aller Welt weitere exotische "GĂ€ste" an: Nubier aus dem Sudan, Inuit aus Grönland und Kanada, Somalier, Inder und Singhalesen, sogar "Hottentotten" aus der deutschen Kolonie SĂŒdwestafrika konnte das weiĂe Publikum bei Hagenbeck in Hamburg und bald auch auf Tourneen in ganz Europa mit wohligem Schauder vor den "Wilden" bewundern. Der berĂŒhmte Berliner Arzt Rudolf Virchow gab den kommerziellen Darbietungen durch seine ethnologischen Untersuchungen einen wissenschaftlichen Anstrich. Virchow, heute als einer der GrĂŒndungsvĂ€ter der modernen Medizin bekannt, war auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Er untersuchte viele Teilnehmer der Völkerschauen, vermaĂ ihre Körper- und Kopfformen und stellte Vermutungen ĂŒber die Intelligenz der verschiedenen exotischen Menschenexemplare an. Damit befand er sich im Einklang mit der Wissenschaft seiner Zeit, die die menschlichen "Rassen" zu definieren und in eine hierarchische Reihenfolge zu bringen suchte. In einem Artikel lobt Virchow die wissenschaftliche Bedeutung der Hagenbeck'schen Ausstellungen: "Diese Menschenvorstellungen sind sehr interessant fĂŒr jeden, der sich einigermaĂen klar werden will ĂŒber die Stellung, welche der Mensch ĂŒberhaupt in der Natur einnimmt, und ĂŒber die Entwicklung, welche das Menschengeschlecht durchmessen hat." Wilder Westen in Hamburg-Stellingen Hagenbeck fand in dem bekannten Wissenschaftler einen wichtigen FĂŒrsprecher. Denn Zeit seines Lebens bemĂŒhte sich der Laie, von Zoologen und Anthropologen anerkannt zu werden. Die betrachteten den einfallsreichen Unternehmer, der in wenigen Jahren vom Sohn eines FischhĂ€ndlers zu einem der wichtigsten und zuverlĂ€ssigsten europĂ€ischen TiergroĂhĂ€ndler aufgestiegen war, mit Argwohn. Der hatte im Jahr 1907 im Hamburger Vorort Stellingen eine ganz neue Art von Zoo eröffnet, die die etablierten Zoos als Frontalangriff empfinden mussten: Die Tiere wurden nicht mehr in engen KĂ€figen hinter GitterstĂ€ben prĂ€sentiert, stattdessen konnte der Zoobesucher sie in kĂŒnstlich angelegten Landschaftspanoramen, von Felsen und WassergrĂ€ben begrenzt, scheinbar in ihrem natĂŒrlichen Lebensraum betrachten. Das Publikum liebte "Hagenbecks Thierpark", die alteingesessenen Zoodirektoren rĂŒmpften die Nase. Auch auf dem GelĂ€nde seines neuen Zoos fand Hagenbeck einen Platz fĂŒr seine Völkerschauen, die nach und nach zu aufwĂ€ndigen Spektakeln anwuchsen. Besonderen Erfolg hatte 1910 Hagenbecks Wild-West-Show: 42 Sioux-Indianer und zehn Cowboys boten dem Publikum ein Spektakel, das ihm aus den Romanen Karls Mays bekannt war: Kriegsgeschrei und Friedenspfeife, ĂberfĂ€lle auf Postkutschen und wirbelnde Tomahawks bescherten dem Tierpark einen neuen Besucherrekord. Dabei hatte der Impressario selbst zunĂ€chst Bedenken gehabt: Die Sioux waren erfahren im VölkerschaugeschĂ€ft und verlangten hohe Gagen. AuĂerdem sprachen sie Englisch und konnten sich mit dem Publikum verstĂ€ndigen. TatsĂ€chlich mussten nachts wiederholt Völkerschaudarsteller aus den Hamburger Kneipen geholt oder indianisch-deutsche Liebespaare getrennt werden. Die erfolgreichen Menschenschauen fielen in die Hochphase des europĂ€ischen Kolonialismus vor dem Ersten Weltkrieg, eine Epoche, in der Kaiser Wilhelm II. fĂŒr Deutschland einen "Platz an der Sonne" forderte. Die meisten Zeitgenossen, wie auch Hagenbeck selbst, empfanden die Ausstellung von exotischen Menschen neben exotischen Tieren nicht als anstöĂig - schlieĂlich waren sie fest von der Ăberlegenheit des "weiĂen Mannes" ĂŒberzeugt. Noch bis 1931 fĂŒhrten Carl Hagenbecks Söhne die Völkerschauen fort, erst in den dreiĂiger Jahren löste das Kino als Ort fĂŒr Exotik die Inszenierungen ab. (24.04.2009, 11:58) |
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